Schriftliche Frage Nr. 115 20. Februar 2026 – Frage von D. STIEL an Frau Ministerin KLINKENBERG als Nachfrage zur Entwicklung der Suizidfallzahlen seit 2018 in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Wie hat sich die Suizidrate in der Deutschsprachigen Gemeinschaft seit 2018 bis heute entwickelt? Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht. Frage von Diana STIEL (Vivant), vom 15. Januar 2026: In meiner mündlichen Frage vom 26.11.2025 bezog ich mich unter anderem auf die Antwort Ihres Vorgängers Antonios Antoniadis, in der er die Suizidraten der Jahre 2017 und 2018 in der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) darlegte. Wie bereits in meiner mündlichen Frage Nr. 287 erwähnt, haben sich laut einer Analyse der Krankenkasse Solidaris die Suizidversuche von Jugendlichen in Belgien im letzten Jahrzehnt verdoppelt. Die Sozialistische Krankenkasse plädiert daher für eine globale Präventionsstrategie sowie für eine angemessene Vor- und Nachsorge der Betroffenen. Ganz allgemein verzeichnete Belgien im Jahr 2022 die höchste Suizidrate bei Frauen sowie die zweithöchste bei Männern im Vergleich zu 14 anderen EU-Ländern. Die Raten lagen dabei bei Männern 1,8-mal und bei Frauen 1,4-mal über dem EU-Durchschnitt. Die neuesten weltweit verfügbaren Vergleichsdaten stammen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Für das Jahr 2019 stellt sie fest: Weltweit nahmen sich mehr als 700.000 Menschen das Leben. Bei jungen Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren ist Suizid nach Verkehrsunfällen, Tuberkulose und zwischenmenschlicher Gewalt die vierthäufigste Todesursache. Laut Sciensano wurden im Jahr 2020 in Belgien insgesamt 1.732 vollendete Suizide registriert: 1.259 Männer und 473 Frauen. Davon entfielen 621 Fälle auf Wallonien, 970 auf Flandern und 141 auf Brüssel. Suizid stellt zudem die häufigste Todesursache bei jungen Menschen dar: In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen ist mehr als jeder vierte Todesfall darauf zurückzuführen. In meiner mündlichen Frage Nr. 287 erkundigte ich mich nach der Entwicklung der Suizidraten seit 2018 sowie danach, ob seitens der Regierung Überlegungen bestehen, der von Solidaris vorgeschlagenen Präventionsstrategie zu folgen. Leider blieb die erste Frage unbeantwortet, auf die zweite sind Sie ebenfalls nicht eingegangen. Daher richte ich folgende schriftliche Nachfragen an Sie: 1. Wie hat sich die Suizidrate in der Deutschsprachigen Gemeinschaft seit 2018 bis heute entwickelt? 2. Bitte geben Sie hierzu absolute Zahlen sowie eine Aufschlüsselung nach Altersklassen an. 3. Gibt es seitens der Regierung Pläne, die von Solidaris vorgeschlagene Präventionsstrategie eingehender zu prüfen? 4. Liegen der Regierung Erkenntnisse oder Daten zu einem möglichen Anstieg suizidaler Handlungen im Zusammenhang mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie, der Inflation, zunehmender existentieller Ängste, einer medialen Dauerpräsenz von Bedrohungsszenarien oder der Angst vor einer Eskalation internationaler Konflikte vor? Anders gefragt: Verfügt die Regierung über Wissen zu möglichen Ursachen und Einflussfaktoren? 5. Wie wird sichergestellt, dass eine volljährige Person nach einem Suizidversuch zeitnah eine angemessene Behandlung erhält und diese auch langfristig in Anspruch nehmen kann? Welches Fachpersonal ist in solchen Fällen konkret involviert? Antwort von Lydia KLINKENBERG (ProDG), Ministerin für Gesundheit, Soziales, Familie und Wohnungswesen Die Suizidrate bezeichnet die Anzahl der Suizide pro 100.000 Einwohner pro Jahr. Bei einer Bevölkerungsgröße von etwa 80.000 Personen ist die Suizidrate aufgrund der sehr niedrigen absoluten Fallzahlen statistisch wenig stabil. Eine Hochrechnung auf 100.000 Einwohner ist zwar formal möglich, erlaubt jedoch keine verlässlichen Aussagen über zeitliche Trends oder regionale Vergleiche. Aus fachlicher Sicht ist es daher sinnvoll, absolute Fallzahlen oder Mehrjahresdurchschnitte heranzuziehen und die Ergebnisse kontextualisiert darzustellen. Nachstehend sind die absoluten Zahlen der Suizide in der Deutschsprachigen Gemeinschaft für den Zeitraum von 2015 bis 2022 dargestellt. Diese Daten stammen von Statbel. Aktuellere Daten liegen derzeit nicht vor. Todesursache Suizid 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 Männer 11 8 6 7 9 8 3 2 Frauen 2 1 1 3 1 1 9 2 Total 13 9 7 10 10 9 12 4 Die insgesamt sehr geringe Anzahl an Suizidfällen in Ostbelgien führt dazu, dass eine statistische Aufschlüsselung nach Altersgruppen nicht aussagekräftig ist. Altersbezogene Analysen liefern daher keine verlässlichen und belastbaren Ergebnisse und könnten zu Fehlinterpretationen führen. Ergänzend liegen jedoch Informationen zum Vergleich von Suizidgedanken und Suizidversuchen in Ostbelgien mit den entsprechenden Zahlen für Belgien insgesamt vor. Diese Daten stammen aus der nationalen Gesundheitsbefragung. Die aktuellsten verfügbaren Daten beziehen sich auf das Jahr 2018; die Veröffentlichung neuerer Daten im Rahmen der nationalen Gesundheitsbefragung wird in naher Zukunft erwartet. Prävention ist in allen gesundheitlichen Themenbereichen der Schlüsselfaktor zu langfristiger Gesunderhaltung und damit ein Schwerpunkt, den die Regierung durchgängig in ihre Arbeit mit einfließen lässt. Kaleido als Hauptansprechpartner für die Kinder und Jugendgesundheit stellt als präventive Maßnahme Informationen auf seiner Webseite zum Thema Suizidalität zur Verfügung (Suizidalität bei Jugendlichen). Es geht zum einen um allgemeine Erklärungen und zum anderen darum, die Zeichen von gefährdeten Personen zu erkennen und richtig reagieren zu können. Um Jugendliche nach einem Suizidversuch zu stabilisieren und erneuten Suizidversuchen vorzubeugen, bietet Kaleido eine psychologische Betreuung in der Krisennachsorge an. Ziele der Krisennachsorge sind es, Schockzustände aufzulösen, Handlungsfähigkeit wiederherzustellen sowie Sicherheit und Vertrauen zurückzugewinnen. In der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist das Thema Prävention im Bereich der mentalen Gesundheit zudem im Rahmen des Dekretes für mentale Gesundheit verankert. Die ASL und der PRT sind in diesem Bereich Ansprechpartner. Bei Suizidgedanken ist die Telefonhilfe oftmals erste Anlaufstelle. Im Referat Jugend wird bisher das Thema Suizidprävention nicht explizit bearbeitet. Die Fachkräfte der offenen und mobilen Jugendarbeit verweisen gefährdete Jugendliche, die mit ihnen in Kontakt treten/sind, an die jeweiligen Ansprechpartner innerhalb der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Suizid ist ein multikausales Geschehen, das durch das Zusammenspiel von psychischen Erkrankungen, psychosozialen Belastungen (z. B. Isolation, Krisen, Verluste), sozioökonomischen Faktoren (z. B. finanzielle Unsicherheit) sowie akuten Auslösern entsteht. Gleichzeitig können Schutzfaktoren wie soziale Unterstützung und ein guter Zugang zu Hilfe das Risiko deutlich senken. Um den Einfluss aktueller gesellschaftlicher Krisen auf die Suizidrate valide beurteilen zu können, ist es zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh. Verlässliche Daten zur Suizidsterblichkeit liegen in der Regel erst mit einer Verzögerung von mindestens zwei Jahren vor, da sämtliche Todesfälle zunächst gerichtlich und administrativ vollständig geklärt werden müssen. Im Jahr 2024 wurde das Netzwerk mentale Gesundheit Ostbelgien gegründet. Dieses vereint alle wichtigen Akteure auf dem Terrain, d. h. sowohl die Primärversorger als auch die Mobilen Hilfen, die Akteure in der Rehabilitation, die stationären Hilfen, Akteure im Bereich „Wohnen“ sowie freischaffende Psychologen. Alle angeschlossenen Akteure findet man hier: Hilfe finden - Netzwerk Mentale Gesundheit Ostbelgien Die Einrichtungen werden aufgrund des Jahresvertrages, welchen sie mit der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft eingehen, verpflichtet, eine intensive Netzwerkarbeit zu pflegen. Diese Einrichtungen sind: • Beratungs- und Therapiezentrum (BTZ) • Arbeitsgemeinschaft für Suchtvorbeugung und Lebensbewältigung (ASL) • Psychiatrisches Pflegewohnheim St Vith (PPH) • Patientenrat+Treff (PRT) • Begleitetes Wohnen (BWO) • Lichtblicke VoG • Perinatales Zentrum (PZ) Das Beratungs- und Therapiezentrum (BTZ) ist ebenfalls ein wichtiger Partner in der orientierenden und begleitenden Beratung sowie der ambulanten Therapie. Hier werden die Neuanfragen regelmäßig auf ihre Dringlichkeit geprüft und priorisiert. Weitere wichtige Partner sind die beiden Krankenhäuser und insbesondere die Klinik Sankt Vith bietet mit ihren 30 Psychiatrie Betten Hospitalisation sowie tagesklinische Angebote für Erwachsene an. Der Suizidversuch ist zumeist ein Indiz einer anderen mentalen Erkrankung, die in Folge stationär oder auch ambulant behandelt werden kann. Zudem hat die Deutschsprachige Gemeinschaft eine Reihe von mobilen Angeboten, die den Patienten im gewohnten (häuslichen) Umfeld betreuen können. Dazu gehören: 1. die Mobilen Teams Kinder/Jugend, Erwachsene, Senioren (nur in WPZS): Ziel dieser Teams ist das Angebot einer flexiblen und individuellen Unterstützung angepasst an die Bedürfnisse des Betroffenen. Im Bedarfsfall können diese Teams den Betroffenen an die geeigneten Dienste weiterleiten. Die Betreuung und deren Länge richten sich nach dem Zustand und den Bedürfnissen der Person. Das Team unterstützt in allen Lebensbereichen und baut ein Unterstützungsnetz auf. 2. Der psychiatrische Begleitdienst: Dieser begleitet Betroffene in ihrem häuslichen Umfeld. Konkret geht es darum, sich u.a. mit der Krankheit und ihren Konsequenzen im Alltag auseinanderzusetzen, Überforderungssituationen zu vermeiden, den Tagesablauf zu strukturieren oder Krisen und somit Rückfälle vorzubeugen. Des Weiteren ist zu erwähnen, dass die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft zwei Vereinbarungen mit der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters des Universitätsklinikums (UK) Aachen abgeschlossen hat. In diesem Rahmen werden Personen bis 21 Jahre bei Bedarf aufgenommen. Somit ist garantiert, dass die Bürger eine Behandlung in ihrer Muttersprache erhalten. Ebenfalls ist hiermit die Übergangszeit 18-21 Jahre abgedeckt, die oftmals als kritische Bruchstelle zwischen dem Jugend- und dem Erwachsenenalter in der Versorgungslandschaft angesehen wird. Außerdem besteht eine Kooperation mit dem UK Aachen, die es Diensten und Fachkräften aus der DG ermöglicht, sich von einer erfahrenen Kinderpsychiaterin beraten zu lassen. Das Abkommen wird aktuell ausgeweitet, damit beispielsweise auch Jugendarbeiter und Lehrer diese Beratung in Anspruch nehmen können. Auch gibt es die Möglichkeit im Bereich von Süchten oder bei psychosomatischen Anfragen Rehabilitation im Ausland zu nutzten, dazu kann ein Antrag beim Fachbereich Gesundheit und Senioren gestellt werden. Das Thema Suizid kann dort ebenfalls aufgegriffen werden. Handelt es sich um eine akute Suizidalität, sind jedoch die Krankenhäuser bzw. Psychiatrien zu kontaktieren.
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