Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 192

23. Oktober 2026 – Frage von Frau F. COLLING an Herrn Ministerpräsident PAASCH zur Zielsetzung und inhaltlichen Ausrichtung der Bevölkerungsbefragung 2026

Welche konkreten Ziele verfolgt die Regierung mit der Bevölkerungsbefragung 2026, welche Themenbereiche werden behandelt und wer hat die konkreten Fragen und Antwortmöglichkeiten entwickelt bzw. festgelegt?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.


Frage von Fabienne COLLING (ECOLO), vom 22. September 2026:

In der Sitzung vom 3. September 2026 hat die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft beschlossen, den öffentlichen Dienstleistungsauftrag zur „Durchführung einer Bevölkerungsbefragung für die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens“ an das Meinungsforschungsinstitut forsa zu vergeben. Der Auftrag hat einen Wert von 37.500 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer. Die Befragung soll im Herbst 2026 durchgeführt werden.

Die Regierung begründet die Befragung mit der seit 2009 erfolgenden kontinuierlichen Datenerhebung und Umfeldanalyse. Bereits 2011, 2014, 2018 und 2022 wurden repräsentative demoskopische Befragungen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft durchgeführt. Ziel dieser Befragungsreihe ist es laut Regierung, langfristige gesellschaftliche Entwicklungen und Trends zu erkennen und daraus Zukunftsszenarien, Strategien und Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Die nun anstehende Befragung findet allerdings in einem neuen politischen Kontext statt. Im Frühjahr 2024 hat die Regierung das Leitbild „Ostbelgien leben 2040“ verabschiedet. Dieses soll der Region und ihren Entscheidungsträgern als „Navigationshilfe und Richtungsweiser“ für die zukünftige Entwicklung dienen und umfasst neun Leitziele mit verschiedenen Handlungsfeldern und operativen Zielen. Die neue Bevölkerungsbefragung soll ausdrücklich an die bisherige Befragungsreihe anknüpfen.

Damit stellt sich die Frage, welche Funktion die Befragung konkret erfüllen soll. Eine Bevölkerungsbefragung kann einerseits eine wichtige Möglichkeit sein, unabhängig von den bereits festgelegten politischen Zielsetzungen zu erfahren, welche Probleme, Bedürfnisse und Zukunftsvorstellungen die Bevölkerung selbst als prioritär betrachtet. Andererseits kann eine Befragung auch dazu dienen, die Zustimmung der Bevölkerung zu bereits formulierten politischen Zielen oder zur Entwicklung der Region zu messen.

Die konkrete Ausgestaltung einer solchen Befragung ist für die Aussagekraft und Vergleichbarkeit ihrer Ergebnisse von Bedeutung. Die bisherigen Befragungen haben unterschiedliche Aspekte der Lebenssituation, der regionalen Entwicklung und der Einschätzungen der Bevölkerung erfasst. Gleichzeitig hat sich der politische und gesellschaftliche Kontext seit der letzten regulären Befragung verändert, unter anderem durch die Verabschiedung des Leitbilds „Ostbelgien leben 2040“.

Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen dazu, welche Themen und Fragestellungen für die Befragung 2026 ausgewählt wurden, in welchem Verhältnis diese zu den bisherigen Befragungen stehen und inwieweit die Befragung auch neue Entwicklungen und Prioritäten der Bevölkerung erfassen soll.

Hierzu unsere Fragen:

1.    Welche konkreten Ziele verfolgt die Regierung mit der Bevölkerungsbefragung 2026, welche Themenbereiche werden behandelt und wer hat die konkreten Fragen und Antwortmöglichkeiten entwickelt bzw. festgelegt?
2.    Wird die Bevölkerung auch offen danach gefragt, welche Probleme, Herausforderungen und politischen Prioritäten sie selbst für Ostbelgien als besonders wichtig erachtet, unabhängig von den bereits bestehenden politischen Zielsetzungen der Regierung?
3.    Welche Rolle spielt das Leitbild „Ostbelgien leben 2040“ bei der Konzeption der Befragung, und werden dessen Leitziele bzw. Handlungsfelder den Befragten zur Bewertung oder Priorisierung vorgelegt?
4.    Soll die Befragung 2026 methodisch mit den früheren Befragungen von 2011, 2014, 2018 und 2022 vergleichbar sein, und welche Fragen werden zu diesem Zweck unverändert oder in vergleichbarer Form erneut gestellt?
5.    Wie groß wird die Stichprobe sein, nach welchen Kriterien wird ihre Repräsentativität sichergestellt, und wird der vollständige Fragebogen zusammen mit den vollständigen Ergebnissen veröffentlicht oder dem Parlament zur Verfügung gestellt, einschließlich kritischer und negativer Einschätzungen?
6.    Die Befragung soll im Herbst 2026 stattfinden: Wann genau ist die Durchführung vorgesehen und wann ist mit der Veröffentlichung der Ergebnisse zu rechnen? Ist bereits festgelegt, in welchem Turnus die Befragungsreihe künftig fortgeführt werden soll?
7.    Welche konkreten politischen Entscheidungen oder Anpassungen der Regierungspolitik sollen aus den Ergebnissen abgeleitet werden, und ist vorgesehen, auch dann Konsequenzen zu ziehen, wenn die Ergebnisse deutlich von den politischen Zielsetzungen der Regierung oder des Leitbilds „Ostbelgien leben 2040“ abweichen?
8.    Werden die Ergebnisse Unterschiede zwischen den Antworten der Bürgerinnen und Bürger in ländlichen und städtischen Gebieten aufzeigen und damit geografische Unterschiede sichtbar machen?


Antwort von Oliver PAASCH (ProDG), Ministerpräsident:

Fragen 1, 3, 4 und 7

Die Bevölkerungsbefragung verfolgt das Ziel, Einstellungen, Einschätzungen und Lebensbedingungen der Bevölkerung über einen längeren Zeitraum hinweg systematisch und vergleichbar zu beobachten. Durch die wiederholte Durchführung der Befragung können gesellschaftliche Entwicklungen, Trends und Veränderungen nachvollzogen sowie frühzeitig relevante Herausforderungen und Handlungsbedarfe identifiziert werden. Die Ergebnisse liefern eine wichtige Grundlage für die evidenzbasierte politische Entscheidungsfindung und die strategische Weiterentwicklung der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Sie dienen dazu, Zukunftsszenarien zu entwickeln, Strategien auszurichten und Maßnahmen bedarfsgerecht weiterzuentwickeln.

Die Befragung wurde bereits in den Jahren 2011, 2014, 2018 und 2022 durchgeführt. Sie ist Teil einer langfristig angelegten Umfeldanalyse, die ursprünglich im Rahmen des Regionalen Entwicklungskonzepts aufgebaut wurde und seither die strategische Entwicklung der deutschsprachigen Gemeinschaft, sowie die daraus hervorgegangenen Leitbilder begleitet. Die neue Befragung erfolgt im Kontext des Leitbilds „Ostbelgien leben 2040“, das den langfristigen strategischen Zukunftsrahmen der Deutschsprachigen Gemeinschaft bildet.

Um gesellschaftliche Entwicklungen über die Zeit hinweg verlässlich beobachten zu können, wird – wie bereits bei vorherigen Ausgaben – ein Großteil der Fragen aus den früheren Befragungen unverändert erneut gestellt. Dies ermöglicht es, Veränderungen in den Einschätzungen, Erwartungen und Prioritäten der Bevölkerung über einen Zeitraum von mittlerweile 15 Jahren nachzuvollziehen. Der Fragebogen umfasst 30 inhaltliche Fragen zuzüglich soziodemografischer Fragen zu folgenden Themen:

–    Die wichtigsten Aufgaben und Probleme in Ostbelgien
–    Persönliche Einstellungen und Zufriedenheit
–    Die Identität der Bürger
–    Einschätzungen zum Zusammenleben in Ostbelgien
–    Politisches Interesse und Bürgerbeteiligung
–    Ehrenamtliches Engagement
–    Zufriedenheit mit den Dienstleistungen des Ministeriums der Deutschsprachigen Gemeinschaft
–    Wichtigkeit ausgewählter Zukunftsziele und Zufriedenheit mit deren Umsetzung
–    Die institutionelle Entwicklung der Deutschsprachigen Gemeinschaft

Im Themenblock „Wichtigkeit ausgewählter Zukunftsziele und Zufriedenheit mit deren Umsetzung“ wurden Ergänzungen vorgenommen, um aktuelle Leitziele und Handlungsfelder aus dem Leitbild „Ostbelgien leben 2040“ abzubilden. Beispielsweise wurden zusätzliche Fragen zur Bedeutung und zur Zufriedenheit in den Bereichen Digitalisierung von Dienstleistungen und Angeboten (Leitziel „Lebensqualität und Zukunftssicherung durch digitale Transformation“), Entwicklung der Dörfer und Ortskerne, bezahlbarer Wohnraum (beide Leitziel „Zukunftsweisende, resiliente Landschafts- und Zukunftsentwicklung“) sowie Schutz vor den Folgen des Klimawandels (Leitziel „Klima schützen für die nächste Generation“) aufgenommen. Diese Themen stehen in einem engen Zusammenhang mit den Leitzielen von „Ostbelgien leben 2040“ und zählen zugleich zu den gesellschaftlichen Entwicklungen, die in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen haben.

Bei der Überarbeitung des Fragebogens wurden zudem die Fragen zur Bekanntheit und Nutzung von Informationsquellen des Ministeriums durch ein standardisiertes OECD-Fragenset ersetzt. Bewertet wird beispielsweise die Zufriedenheit mit Verwaltungsdienstleistungen. Die Fragen stammen aus der „OECD Trust Survey“ und sind somit mit den belgischen Ergebnissen, aber auch international vergleichbar. Damit wird ein Themenbereich aufgegriffen, der auch im Leitbild „Ostbelgien leben 2040“ im Zusammenhang mit der digitalen Transformation und der Weiterentwicklung bürgernaher Dienstleistungen berücksichtigt wird.

Die konkrete Ausgestaltung des Fragebogens erfolgte in Zusammenarbeit zwischen dem Fachbereich Außenbeziehungen und Standortentwicklung, der Regierung und dem beauftragten Meinungsforschungsinstitut forsa. Die Regierung genehmigte den Fragebogen in ihrer Sitzung vom 8. Oktober 2026.

Frage 2

Die Befragung enthält, wie bereits in den bisherigen Erhebungen, eine offene Frage zu den wichtigsten Aufgaben und Problemen in Ostbelgien. Die Befragten können dabei ohne Antwortvorgaben benennen, welche Herausforderungen, Entwicklungen oder politischen Handlungsfelder sie persönlich für besonders wichtig halten. Darüber hinaus können die Teilnehmer in mehreren geschlossenen Fragen ausdrücken, wie zufrieden sie mit verschiedenen Aspekten ihres Lebens wie Lebensstandard, Wohlbefinden oder Freizeitaktivitäten sind.

Die Antworten erfolgen unabhängig von den politischen Zielsetzungen oder Prioritäten der Regierung. Gerade die offene Frage ermöglicht es, Themen sichtbar zu machen, die aus Sicht der Bevölkerung von besonderer Bedeutung sind und die sich nicht zwingend aus den übrigen Fragen des Fragebogens ergeben.

Fragen 5 und 8

Geplant ist eine repräsentative Befragung von mindestens 1.000 Personen ab 18 Jahren mit Wohnsitz in der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Die Stichprobe wird so angelegt, dass repräsentative Aussagen insbesondere nach Geschlecht, Altersgruppen, Bildungsniveau, Erwerbstätigkeit sowie nach Norden und Süden der Deutschsprachigen Gemeinschaft möglich sind.

Die Erhebung erfolgt auf Grundlage einer Zufallsstichprobe von Festnetz- und Mobilfunknummern. Sie wird mithilfe computergestützter Telefoninterviews (CATI – Computer Assisted Telephone Interviewing) durchgeführt. Von einem zentralen Telefonstudio aus werden die für die Stichprobe ausgewählten Telefonnummern von den Interviewern angerufen.

Bei der Festnetzstichprobe erfolgt die Auswahl der Befragten anhand eines systematischen Zufallsverfahrens unter Telefonnummern auf dem Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Dieses Verfahren stellt sicher, dass jede Person mit Telefonanschluss im Haushalt die gleiche statistische Chance hat, in die Stichprobe zu gelangen und die ausgewählten Personen ein repräsentatives Abbild der Bevölkerung darstellen. In einem ersten Schritt werden zunächst Haushalte auf dem Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft ausgewählt. Dies geschieht mithilfe generierter Rufnummern, um sicherzustellen, dass auch Haushalte in die Befragung einbezogen werden, die nicht im Telefonverzeichnis eingetragen sind. Auf der Ebene der Haushalte wird dann mithilfe der sogenannten Geburtstagsmethode diejenige Person im Haushalt (im Falle von Mehrpersonenhaushalten) ausgewählt, die als letzte Geburtstag hatte. Dieser zweite Auswahlschritt, wie forsa ihn auch bei allen anderen Bevölkerungsumfragen vornimmt, stellt sicher, dass nicht immer nur die Person befragt wird, die in einem Haushalt für gewöhnlich ans Telefon geht.

Bei der Mobilfunkstichprobe ist eine technische Vorselektion von Mobilfunkanschlüssen, die auf einer Funkzelle in der Region lokalisiert sind, nicht möglich, da die entsprechenden Informationen von den Mobilfunkanbietern aufgrund von Datenschutzvorgaben nicht weitergegeben werden dürfen. Ein Random Digit Dialing (zufällig generierte Mobilfunknummern) auf belgische Mobilvorwahlen (+32 04xx) mit geografischer Eingrenzung ist auch ohne weiteres nicht möglich, weil Mobilfunknummern in Belgien keine regionale Zuordnung aufweisen. forsa verfügt jedoch über einen Bestand von Mobilfunknummern, die Personen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft zugeordnet werden können. Ein Teil dieser Nummern stammt aus früheren Befragungen in der Region, bei denen Befragte ihre Mobilfunknummer für spätere Kontaktaufnahmen angegeben haben. Darüber hinaus greift forsa auf Mobilfunkstichproben eines spezialisierten Stichprobenanbieters zurück, der solche Nummern datenschutzkonform erhebt und für wissenschaftliche Befragungen bereitstellt. Mit diesen Mobilfunknummern kann eine Stichprobe gebildet werden, aus der fortlaufend zufällig ausgewählt werden kann. forsa rechnet damit, dass der Anteil der Mobilfunknummern an der Nettostichprobe ca. 20 bis 25 Prozent beträgt.

Nach Abschluss der Befragung werden die Daten anhand zentraler Strukturmerkmale gewichtet, um die Repräsentativität der Ergebnisse sicherzustellen. Grundlage hierfür bilden aktuelle Daten der amtlichen Statistik.

Der vollständige Fragebogen sowie ein ausführlicher Ergebnisbericht werden nach Abschluss der Erhebung veröffentlicht. Der Bericht enthält die Ergebnisse sämtlicher Fragen, deren Einordnung sowie Zeitvergleiche mit früheren Erhebungen. Die Veröffentlichung erfolgt unabhängig vom Inhalt der Ergebnisse. Dies gilt sowohl für positive als auch für kritische Einschätzungen der Befragten.

Frage 6

Die Feldphase startete am 12. Oktober 2026 und wird voraussichtlich drei bis vier Wochen dauern. Die Ergebnisse sollen im November 2026 vorliegen. Sie werden in Form eines Ergebnisberichts auf der Internetseite www.ostbelgienstatistik.be veröffentlicht und im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt.

Die Bevölkerungsbefragung ist als wiederkehrendes Instrument der gesellschaftlichen Beobachtung angelegt. Auch künftig soll sie in einem Abstand von etwa drei bis vier Jahren fortgeführt werden. Dieser Turnus wurde bereits bei den bisherigen Erhebungen angewandt und hat sich für die Beobachtung gesellschaftlicher Entwicklungen sowie für die Erstellung belastbarer Zeitvergleiche bewährt.

 

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