Mündliche Frage Nr. 464 10. September 2026 – Frage von Herr F. WERTZ an Herrn Minister FRANSSEN zur Weiterentwicklung der beruflichen Orientierung zu einer systematischen Talentförderung Welche Konsequenzen zieht die Regierung daraus, dass die bisherigen Evaluationen überwiegend die Umsetzung und die Zufriedenheit einzelner Maßnahmen erfassen, über deren tatsächlichen Beitrag zur Talententwicklung und Berufswahl jedoch nur wenige Erkenntnisse vorliegen? Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht. Frage von Frederik WERTZ (PFF), vom 10. September 2026: In Ihrer Antwort auf meine schriftliche Frage Nr. 159 führen Sie aus, dass für die Deutschsprachige Gemeinschaft bislang nur wenige Studien einen kausalen Zusammenhang zwischen den Maßnahmen der beruflichen Orientierung und der tatsächlichen Berufswahl nachweisen können. Sie unterscheiden dabei ausdrücklich zwischen der Evaluation der Maßnahmen und ihrer tatsächlichen Wirkung. Gleichzeitig verweisen Sie auf verschiedene Evaluationen sowie auf Zufriedenheitsbefragungen, räumen jedoch ein, dass daraus nur begrenzt Aussagen über den tatsächlichen Einfluss auf die Berufswahl junger Menschen abgeleitet werden können. (SF-159 Antwort von JF an FW) Darüber hinaus zeigen die Erhebungen des Arbeitsamtes, dass Familie und Bekannte mit 59 % nach wie vor den größten Einfluss auf die Berufswahl junger Menschen ausüben. Mit deutlichem Abstand folgen Praktika mit 20 %, Social Media mit 17 % und Informationsveranstaltungen mit 16 %. Gleichzeitig nennen Sie Initiativen wie die Lichternacht der Technik, die Erlebniswerkstatt oder die Technikferien des Robert-Schuman-Instituts als Beispiele dafür, wie das Interesse an technischen Berufen geweckt und traditionelle Rollenbilder aufgebrochen werden können. Diese Initiativen verdienen ausdrücklich Anerkennung. Sie zeigen eindrucksvoll, welchen wichtigen Beitrag engagierte Schulen und Lehrkräfte zur beruflichen Orientierung leisten. Gerade Ihre Antwort macht für mich jedoch deutlich, dass wir heute zwar über zahlreiche Instrumente der Berufsorientierung verfügen, diese aber noch nicht zu einer durchgängigen und systematischen Talentförderung zusammenwirken. Doch unser Ziel sollte es sein, jedem jungen Menschen frühzeitig zu ermöglichen, seine Talente und Interessen zu entdecken und daraus eine selbstbestimmte Ausbildungs- und Berufswahl zu treffen. Dabei stellt sich aber nicht nur die Frage nach den vorgesehenen Instrumenten, sondern auch nach ihrer praktischen Umsetzbarkeit im Schulalltag. Im Austausch mit Lehrkräften wird deutlich, dass Leitfäden und zusätzliche Vorgaben insbesondere in der Sekundarschule nicht automatisch zu mehr Berufsorientierung führen, wenn für deren konkrete Umsetzung Zeit und Ressourcen fehlen. Vor diesem Hintergrund möchte ich Ihnen folgende Fragen stellen: 1. Welche Konsequenzen zieht die Regierung daraus, dass die bisherigen Evaluationen überwiegend die Umsetzung und die Zufriedenheit einzelner Maßnahmen erfassen, über deren tatsächlichen Beitrag zur Talententwicklung und Berufswahl jedoch nur wenige Erkenntnisse vorliegen? 2. Welche Rolle soll insbesondere die Elternarbeit künftig innerhalb der beruflichen Orientierung einnehmen? 3. Beabsichtigt die Regierung, die berufliche Orientierung künftig stärker zu einer durchgängigen Strategie der Talentförderung weiterzuentwickeln, die Schülerinnen und Schüler während ihrer gesamten Schullaufbahn begleitet, sodass sie nicht vom besonderen Engagement einzelner Schulen oder Lehrkräfte abhängig ist? Antwort von Jérôme FRANSSEN (CSP), Minister für Unterricht, Ausbildung und Beschäftigung: Sehr geehrte Frau Vorsitzende, Sehr geehrter Herr Wertz, Werte Kolleginnen und Kollegen, Es ist richtig, dass die bisherigen Evaluationen in erster Linie Aufschluss darüber geben, wie einzelne Maßnahmen der Berufsorientierung umgesetzt werden und wie sie von den Beteiligten wahrgenommen werden. Aussagen über ihren tatsächlichen Einfluss auf die Talent-entwicklung oder auf spätere Berufsentscheidungen lassen sich hingegen nur begrenzt treffen. Gerade deshalb ist es wichtig, bei der Bewertung der bestehenden Angebote vorsichtig vorzugehen und keine direkten kausalen Zusammenhänge herzustellen, die wissenschaftlich nicht ausreichend belegt sind. Um hier künftig belastbarere Erkenntnisse zu gewinnen, wird das Arbeitsamt im Schuljahr 2026-2027 an zwei Schulen in der Berufsorientierung ein Pilotprojekt zur Erfassung beruflicher Interessen und Schlüsselqualifikationen durchführen. Das Projekt heißt „Perspektive Start“. Daran werden rund 300 Schülerinnen und Schüler des dritten Sekundarschuljahres teilnehmen. Die Wahl dieser Zielgruppe ist bewusst getroffen worden, da die Jugendlichen in diesem Alter vor wichtigen Entscheidungen stehen und beginnen, ihre beruflichen Vorstellungen weiterzuentwickeln. Die Pilotphase wird im Juni 2027 evaluiert. Auf dieser Grundlage soll geprüft werden, ob eine flächendeckende Erfassung von Interessen und Kompetenzen bei 14-jährigen Jugendlichen in den Folgejahren erfolgen kann. Dadurch könnten künftig deutlich fundiertere Analysen vorgenommen werden, um Entwicklungen im Ausbildungs- und Berufsverlauf besser nachzuvollziehen und die bestehenden Angebote gezielter weiterzuentwickeln. Das Pilotprojekt stelle ich dem Ausschuss detailliert gerne zu einem späteren Zeitpunkt vor. Wenn wir über Berufsorientierung sprechen, dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass Jugendliche ihre Entscheidungen nicht allein auf Grundlage schulischer Angebote treffen. Untersuchungen zeigen immer wieder, dass insbesondere das persönliche Umfeld und der Austausch mit Gleichaltrigen einen sehr großen Einfluss auf die Berufsentscheidung haben. Dieser sogenannte Peer-to-Peer-Effekt lässt sich durch schulische Maßnahmen allein nur bedingt erreichen. Daher kommt auch den Eltern eine wichtige Rolle zu, weil sie junge Menschen bei ihren Entscheidungen begleiten und Orientierung geben. Aus diesem Grund wird die Elternarbeit ebenfalls weiter gestärkt. Bereits im Rahmen des erwähnten Pilotprojekts ist eine sogenannte „Kick-off-Veranstaltung“ vorgesehen, bei der die Eltern über die Zielsetzung und die Vorgehensweise informiert werden. Darüber hinaus findet in diesem Jahr erstmals ein umfassender Informationsabend für Eltern und andere Bezugspersonen statt. Dabei werden Themen wie das Studium in Belgien, Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden, Zulassungsverfahren, Auslandsaufenthalte, die duale Ausbildung und viele weitere Fragestellungen behandelt. Dieses Angebot wird sowohl im Norden als auch im Süden der Deutschsprachigen Gemeinschaft organisiert. Ergänzend dazu werden die bewährten Informationsveranstaltungen zu den Studiengängen Medizin und Psychologie weiterhin angeboten. Ein weiteres wichtiges Angebot ist die Neuauflage der Berufsmesse „Meet your Job – Berufe hautnah“, die am 18. November in der Sporthalle Kettenis stattfindet. Die Messe richtet sich ausdrücklich nicht nur an Jugendliche und Schulabgänger, sondern auch an Eltern, Lehrkräfte und alle Interessierten. Sie bietet einen umfassenden Überblick über Ausbildungs-, Studien- und Beschäftigungsmöglichkeiten in Ostbelgien und schafft gleichzeitig die Möglichkeit zum direkten Austausch mit Fachleuten aus der Praxis. Was schließlich die langfristige Verankerung der Berufsorientierung betrifft, wurden bereits wichtige Schritte unternommen. Mit dem Leitfaden zur Berufswahlorientierung wurde im Jahr 2023 ein gemeinsamer Rahmen geschaffen, der allen Schulen Orientierung bietet. Gleichzeitig wurden innerhalb der Schulen auf Ebene des Middlemanagements zusätzliche Koordinationszuständigkeiten geschaffen, um die Umsetzung zu begleiten. Hinzu kommen zahlreiche Angebote externer Träger, die die Schulen regelmäßig in Anspruch nehmen können. Dazu gehören beispielsweise Workshops und Informationstage zu verschiedenen Themenfeldern sowie weitere Beratungsangebote. Insofern hängt die Qualität der Berufsorientierung heute nicht ausschließlich vom Engagement einzelner Lehrpersonen ab, auch wenn deren Einsatz selbstverständlich weiterhin von großer Bedeutung bleibt. Gerade die hohe Nachfrage der Schulen nach den Angeboten externer Partner zeigt, dass deren Mehrwert erkannt wird und dass eine enge Zusammenarbeit gewünscht ist. Mit dem geplanten Pilotprojekt zur Kompetenz- und Interessenfeststellung soll nun ein weiterer Baustein hinzukommen, der künftig strukturell verankert wird. Damit würden nicht nur die Schülerinnen und Schüler noch gezielter begleitet, sondern auch die Sensibilisierung für das Thema Talententwicklung innerhalb der Schulen weiter gestärkt. Ziel bleibt es, die Berufsorientierung schrittweise weiterzuentwickeln und den Jugendlichen verlässliche Unterstützung auf ihrem Weg in Ausbildung, Studium und Beruf zu bieten.
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