Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 180

09. September 2026 – Frage von Herr M. HENN an Herrn Minister FRECHES zur Stärkung der digitalen Kompetenzen der ostbelgischen Bevölkerung

Welche konkreten Maßnahmen ergreift die Regierung, um die digitalen Grundkenntnisse der Bevölkerung zu verbessern?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.


Frage von Marcel HENN (CSP), vom 06. August 2026:

Belgien hat zwar eine sehr hohe Internetnutzung (95 % der Bevölkerung sind online), die digitalen Kompetenzen hinken jedoch deutlich hinterher.

Laut dem Belgian Digital Economy Overview 2026 verfügen nur 61 % der Belgier über grundlegende digitale Fähigkeiten. Damit liegt Belgien zwar über dem EU-Durchschnitt, aber noch deutlich unter dem EU-Ziel von 80 % bis 2030.

Besonders betroffen sind ältere Menschen zwischen 55 und 74 Jahren, bei denen nur etwa ein Drittel über grundlegende digitale Kompetenzen verfügt, geringqualifizierte Personen, von denen rund die Hälfte nur geringe oder gar keine digitale Grundbildung besitzt und Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau und sozial benachteiligte Gruppen, die die größten Defizite aufweisen.

Die Studie zeigt außerdem, dass digitale Kompetenzen heute weit über die reine Internetnutzung hinausgehen. Dazu gehören unter anderem:

–    sichere Nutzung des Internets, 
–    Online-Banking, 
–    Kommunikation, 
–    Umgang mit Informationen, 
–    Datenschutz, 
–    Erkennen von Falschinformationen, 
–    Nutzung digitaler Behördendienste. 

Die belgische Föderalministerin für Öffentliche Verwaltung und Modernisierung, Vanessa Matz, zu deren Zuständigkeitsbereich u. a. die Digitalisierung gehört, warnt davor, dass die fortschreitende Digitalisierung niemanden ausschließen dürfe. Wer digitale Angebote nicht nutzen kann, könnte Schwierigkeiten bekommen, seine Rechte wahrzunehmen oder öffentliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.

Somit stellen sich mir folgende Fragen:

1.    Welche konkreten Maßnahmen ergreift die Regierung, um die digitalen Grundkenntnisse der Bevölkerung zu verbessern?
2.    Welchen Beitrag möchte die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft im Rahmen ihrer Zuständigkeiten dazu leisten, dass Belgien das europäische Ziel von 80 % digital kompetenten Bürgerinnen und Bürgern bis 2030 erreicht?
3.    Wie kann die Regierung dafür sorgen, dass ältere Menschen sowie Personen mit geringen digitalen Kenntnissen digitale Behördendienste und öffentliche Dienstleistungen problemlos nutzen können?
4.    Wie sorgt die Regierung dafür, dass niemand durch die Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen benachteiligt wird – zum Beispiel Menschen mit geringen digitalen Kenntnissen oder ohne einfachen Internetzugang?


Antwort von Gregor FRECHES (PFF), Minister für Kultur, Erwachsenenbildung, Tourismus, Denkmal- und Landschaftsschutz:

Die Frage greift ein wichtiges Zukunftsthema auf. Die digitale Transformation verändert Wirtschaft, Bildung, Verwaltung und gesellschaftliches Leben grundlegend. Sie eröffnet zahlreiche Chancen, stellt aber zugleich neue Anforderungen an die Bürgerinnen und Bürger.

Aus Sicht der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist die Förderung digitaler Kompetenzen deshalb keine Einzelmaßnahme, sondern eine Querschnittsaufgabe. Sie betrifft zahlreiche Zuständigkeitsbereiche und wird von vielen Akteuren gemeinsam getragen.

Mit dem Leitbild „Ostbelgien leben 2040“, das die Regierung im Januar 2024 verabschiedet hat, wurde das Leitziel „Lebensqualität und Zukunftssicherung durch digitale Transformation“ festgelegt. Zur konkreten Umsetzung verabschiedete die Regierung im März 2024 die Digitalstrategie Ostbelgien. Diese definiert die digitalen Zielsetzungen der Deutschsprachigen Gemeinschaft in den Bereichen digitale Infrastruktur, digitale Kompetenzen, digitale Verwaltung, Wirtschaft der Zukunft sowie gerechte digitale Gesellschaft.

Die Strategie orientiert sich an den Zielen der europäischen Digital Decade 2030. Darüber hinaus hat die Deutschsprachige Gemeinschaft bewusst eine fünfte Achse mit dem Titel „Gerechte digitale Gesellschaft“ ergänzt. Damit wird unterstrichen, dass Digitalisierung nur dann erfolgreich sein kann, wenn alle Menschen gleichermaßen daran teilhaben können. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei unter anderem Seniorinnen und Senioren, sozial benachteiligten Gruppen sowie Personen mit geringen digitalen Vorkenntnissen. Die Strategie verfolgt deshalb das Ziel, digitale Kompetenzen zu stärken, digitale Inhalte verständlich und barrierearm zugänglich zu machen und die digitale Kluft innerhalb der Gesellschaft zu verringern.

Die von Herrn Henn zitierte Roadmap Belgien 2026 zur Digital Decade bestätigt einerseits die hohe Leistungsfähigkeit der digitalen Infrastruktur und der digitalen öffentlichen Dienste in Belgien. Andererseits zeigt sie, dass weiterhin erheblicher Handlungsbedarf bei den digitalen Kompetenzen der Bevölkerung besteht. Vereinfacht gesagt: In Belgien ist digital bereits vieles möglich, allerdings können nicht alle Bürgerinnen und Bürger diese Möglichkeiten gleichermaßen nutzen. Genau dort setzen die Maßnahmen der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft an.

Darüber hinaus fließen weitere wichtige Erkenntnisse in die Gestaltung der ostbelgischen Digitalpolitik ein. So führte der Wirtschafts- und Sozialrat gemeinsam mit der Agence du Numérique erstmals eine Erhebung zur digitalen Teilhabe durch, deren Ergebnisse 2024 im „Barometer der Digitalisierung in Ostbelgien“ veröffentlicht wurden. Ebenso fand die vierte Bürgerversammlung des Bürgerdialogs Ostbelgien von September bis November 2022 unter dem Titel „Digitale Teilhabe in Ostbelgien. Wie kann die Politik gewährleisten, dass alle Ostbelgier Zugang zur digitalen Welt haben und sich in ihr zurechtfinden?“ statt. Die dort formulierten Empfehlungen fließen bis heute fortlaufend in die Entwicklung von Maßnahmen und Projekten zur Förderung der digitalen Teilhabe und der digitalen Kompetenzen ein.

Zu Frage 1

Welche konkreten Maßnahmen ergreift die Regierung, um die digitalen Grundkenntnisse der Bevölkerung zu verbessern?

Die Förderung digitaler Kompetenzen erfolgt in Ostbelgien über eine Vielzahl von Maßnahmen, Projekten und Partnern.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Medienzentrum der Deutschsprachigen Gemeinschaft, das als Anlaufstelle und Impulsgeber für Medien- und Digitalkompetenz fungiert. Dort finden Bürgerinnen und Bürger individuelle Beratung, Informationsveranstaltungen, Workshops und Schulungen zu unterschiedlichsten Themen der digitalen Welt. Behandelt werden unter anderem Internetsicherheit, Datenschutz, soziale Medien, Künstliche Intelligenz sowie der Umgang mit Desinformation.

Das Medienzentrum setzt zudem auf den erfolgreichen Ansatz der Digitalbotschafter, die Bürgerinnen und Bürger vor Ort bei digitalen Fragestellungen unterstützen. Ergänzt wird dieses Angebot durch Kooperationen mit der Initiative „klicksafe“, dem Landesmedienanstalt Saarland sowie weiteren Partnern im In- und Ausland. Dadurch stehen der Bevölkerung zahlreiche kostenlose Informations- und Weiterbildungsangebote zur Verfügung.

Darüber hinaus baut das Medienzentrum seine digitalen Lernangebote kontinuierlich aus. Über die Lernplattform des Ostbelgienkanals können Bürgerinnen und Bürger kostenlos auf Online-Kurse und Lernmodule zu unterschiedlichen Medien- und Digitalthemen zugreifen.

Wichtige Beiträge leisten ebenfalls die Einrichtungen der Jugend- und Erwachsenenbildung. Im Rahmen der laufenden Reform der Erwachsenenbildung wird die Vermittlung von digitalen Kompetenzen ausdrücklich gestärkt. Der neue Dekretvorentwurf zur Erwachsenenbildung sieht hierfür ein eigenes Modul „Digitale Kompetenz und Medienkompetenz“ vor. Die Angebote orientieren sich am europäischen Kompetenzrahmen DigComp und umfassen insbesondere den sicheren Umgang mit digitalen Technologien, den Schutz persönlicher Daten, die kritische Bewertung von Informationen, den Umgang mit Desinformation, die Nutzung digitaler Kommunikations- und Verwaltungsangebote sowie aktuelle Themen wie Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit.

Darüber hinaus fließen digitale Lern- und Anwendungselemente zunehmend in Angebote der Erwachsenenbildung, Jugendarbeit, Kulturarbeit, Vereinsförderung und Tourismusentwicklung ein. Ziel ist es, Menschen dort zu erreichen, wo sie ihren Alltag gestalten, sich engagieren oder beruflich weiterentwickeln.

Die hier angeführten Beispiele erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie verdeutlichen jedoch, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft eine umfassende Gesamtstrategie verfolgt, die sich in zahlreichen konkreten Projekten und Maßnahmen widerspiegelt und die Menschen in ihren jeweiligen Lebensbereichen erreicht.

Ob in der Schule, im Verein, im Sport, im Ehrenamt, in der Kultur, als Unternehmer, Arbeitnehmer oder Künstler: Bürgerinnen und Bürger finden heute bereits zahlreiche Möglichkeiten, ihre digitalen Kompetenzen weiterzuentwickeln. Dabei stehen sowohl digitale als auch analoge Angebote zur Verfügung, von individuellen Beratungsangeboten bis hin zu strukturierten Weiterbildungsreihen.

Neben großen strategischen Projekten des Unterrichtswesens, des Ministeriums, des Arbeitsamtes oder der Wirtschaftsförderung gibt es spezialisierte Akteure wie das Medienzentrum oder die Einrichtungen der Erwachsenenbildung, die die Vermittlung digitaler Kompetenzen zu ihren Kernaufgaben zählen. Gleichzeitig leisten zahlreiche weitere Organisationen, von Jugendorganisationen über Sport- und Kulturverbände bis hin zu ehrenamtlichen Vereinigungen, einen Beitrag zur digitalen Befähigung ihrer Zielgruppen.

Bereits heute bestehen in ganz Ostbelgien Anlaufstellen, an denen Bürgerinnen und Bürger Ansprechpartner, Beratung und Weiterbildungsangebote finden. Diese Angebote sind möglichst niederschwellig, oft kostenlos und reichen von ersten Orientierungshilfen bis hin zu spezialisierten Qualifizierungsmaßnahmen. An diesem flächendeckenden und vernetzten Ansatz arbeitet die Regierung gemeinsam mit ihren Partnern innerhalb und außerhalb Ostbelgiens kontinuierlich weiter.

Zu Frage 2

Welchen Beitrag möchte die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft dazu leisten, dass Belgien das europäische Ziel von 80 % digital kompetenten Bürgerinnen und Bürgern bis 2030 erreicht?

Die Deutschsprachige Gemeinschaft leistet ihren Beitrag insbesondere in den Bereichen Bildung, Medien, Jugend, Erwachsenenbildung und digitale Teilhabe.

Dabei verfolgt die Regierung einen ganzheitlichen Ansatz.

Erstens werden digitale Kompetenzen entlang der gesamten Bildungskette gefördert, vom Unterricht über die außerschulische Bildung bis hin zum lebenslangen Lernen.

Zweitens werden bestehende Einrichtungen wie das Medienzentrum und die Bibliotheken, gezielt als Orte der digitalen Befähigung weiterentwickelt.

Im Zuge der Reform der Erwachsenenbildung wird darüber hinaus die Möglichkeit geschaffen, dass Einrichtungen auf Wunsch ihr Angebot gezielt auf die Unterstützung des Erwerbs von digitalen Kompetenzen ausrichten können. Die Jugendinfo ihrerseits orientiert sich in ihrer Arbeit an den dekretal festgelegten Themenschwerpunkten der Jugendarbeit, worunter u. a. die digitale Jugendarbeit fällt. Dies beinhaltet die Förderung der digitalen Kompetenzen und der Medienkompetenz junger Menschen, damit sie sich aktiv und kreativ in die digitale Gesellschaft einbringen, fundierte und überlegte Entscheidungen treffen sowie Verantwortung für und Kontrolle über ihre digitale Identität übernehmen. Im Rahmen dessen hat sich die Medienbildung als eine der wichtigsten Säulen der Arbeit der Jugendinfo etabliert. Dazu bietet die Jugendinfo verschiedene Workshops an und stellt jugendgerechte Informationen zur Verfügung.

Drittens setzt die Regierung auf einen inklusiven Ansatz. Dabei geht es nicht ausschließlich um die Ausbildung von IT-Fachkräften, sondern vor allem darum, allen Bürgerinnen und Bürgern jene Grundkompetenzen zu vermitteln, die sie benötigen, um selbstbestimmt am gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen.

Die Förderung digitaler Kompetenzen ist deshalb ein zentraler Bestandteil der Digitalstrategie Ostbelgien und der Umsetzung der Ziele der Digital Decade 2030. Die Regierung bringt sich darüber hinaus regelmäßig in die Erarbeitung und Aktualisierung der belgischen Roadmap ein und arbeitet hierzu mit den zuständigen belgischen und regionalen Partnern eng zusammen.

Zu Frage 3

Wie kann die Regierung dafür sorgen, dass ältere Menschen sowie Personen mit geringen digitalen Kenntnissen digitale Behördendienste und öffentliche Dienstleistungen problemlos nutzen können?

Die Regierung verfolgt dabei den Grundsatz, Digitalisierung mit Begleitung zu verbinden.

Ziel ist es nicht, digitale Dienstleistungen bereitzustellen und die Bürgerinnen und Bürger anschließend sich selbst zu überlassen. Vielmehr sollen Hilfs- und Unterstützungsangebote sicherstellen, dass alle Menschen digitale Angebote tatsächlich nutzen können.

Im Rahmen des Projektportfolios „Ministerium 2030 – Heute entsteht der öffentliche Dienst von morgen“ arbeitet das Ministerium unter anderem am Ausbau von „Mon Espace“ als zentralem Onlineschalter, an einem zukünftigen Bürgerportal Ostbelgien, an der Verbesserung der Auffindbarkeit von Informationen sowie an einer bürgernahen und verständlichen Gestaltung der Verwaltungsdienstleistungen. Gleichzeitig werden Maßnahmen zur individuellen Begleitung und Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger vorgesehen.

Besondere Bedeutung kommt hierbei dem Medienzentrum, den Bibliotheken, den Digitalbotschaftern und weiteren lokalen Ansprechpartnern zu. Gerade ältere Menschen profitieren häufig von niedrigschwelligen Unterstützungsangeboten und dem sogenannten Peer-to-Peer-Ansatz, bei dem Bürgerinnen und Bürger von anderen Bürgern begleitet werden.

Zu Frage 4

Wie sorgt die Regierung dafür, dass niemand durch die Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen benachteiligt wird?

Die Regierung teilt ausdrücklich die Auffassung, dass Digitalisierung niemanden ausschließen darf. Deshalb verfolgt sie den Grundsatz, dass digitale Verwaltungsangebote den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen erleichtern sollen, ohne analoge Alternativen vollständig zu ersetzen.

Auch künftig müssen Bürgerinnen und Bürger persönliche Ansprechpartner erreichen und Dienstleistungen auf unterschiedlichen Wegen in Anspruch nehmen können. Digitalisierung darf nicht zu neuen Hürden führen, sondern muss bestehende Hürden abbauen.

Aus diesem Grund investiert die Regierung weiterhin in frei zugängliche digitale Infrastrukturen, unterstützt öffentliche Räume mit kostenlosem Internetzugang und entwickelt gemeinsam mit dem Medienzentrum und den Bibliotheken wohnortnahe Anlaufstellen für digitale Unterstützung.
Eine wichtige Rolle wird künftig zudem die Reform der ostbelgischen Bibliothekslandschaft spielen. Ziel ist es, dass die Bürgerinnen und Bürger in jeder Gemeinde mindestens einen Ort finden, an dem sie kostenlos Unterstützung und Angebote zu Fragen der Digitalisierung, Mediennutzung und Medienkompetenz erhalten können. Bibliotheken sollen sich verstärkt zu sogenannten „Dritten Orten“ entwickeln, die Begegnung, Bildung, Beratung und gesellschaftliche Teilhabe miteinander verbinden. Das Medienzentrum wird hierbei als zentrale Anlaufstelle eine koordinierende und unterstützende Rolle übernehmen.

Zusammenfassend verfolgt die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft einen ganzheitlichen Ansatz, der digitale Innovation und digitale Inklusion miteinander verbindet. Ziel ist nicht nur die Bereitstellung leistungsfähiger digitaler Angebote, sondern insbesondere die Befähigung aller Bürgerinnen und Bürger, diese Angebote sicher, selbstbestimmt und gleichberechtigt nutzen zu können. Dabei bleibt die persönliche und analoge Begleitung ein wesentlicher Bestandteil einer bürgernahen Verwaltung und einer gerechten digitalen Gesellschaft.

 

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