Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 175

02. September 2026 – Frage von Herr M. BALTER an Herrn Ministerpräsident PAASCH als Nachfrage zur schriftlichen Frage Nr. 128 zum Konzept „energieautarke Ostbelgien“

Welche konkrete Hauptkennzahl verwendet die Regierung, um festzustellen, ob Ostbelgien „energieautark“ ist?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.


Frage von Michael BALTER (Vivant), vom 29. Juli 2026:

Vielen Dank für Ihre Antwort auf die schriftliche Frage Nr. 128. Sie stellen darin ausdrücklich klar, dass sich der Begriff „Energieautarkie“ nicht nur auf Elektrizität, sondern auf alle Energieformen beziehen soll. Zugleich halten Sie am Ziel fest, den gegenwärtigen Energieverbrauch einschließlich der bis 2040 erwarteten Entwicklung möglichst „aus eigener Kraft“ decken zu können.

Damit formuliert die Regierung ein außerordentlich weitreichendes Ziel. Es betrifft nicht nur den heutigen Stromverbrauch, sondern auch den künftigen Energiebedarf für Wärme, Kühlung, Mobilität, Industrie und Gewerbe. Ein solches Ziel kann nur seriös beurteilt werden, wenn der zukünftige Gesamtenergiebedarf, die verfügbaren Erzeugungspotenziale, die Umwandlungsverluste, die verbleibenden Importe und die erforderlichen Investitionen zumindest in belastbaren Szenarien quantifiziert werden.

Ihre Antwort enthält hierzu zwar zahlreiche Einzelangaben, aber noch kein geschlossenes und überprüfbares Gesamtmodell. Es bleibt insbesondere offen, anhand welcher messbaren Kennzahl die Regierung „Energieautarkie“ feststellen will. Ebenso fehlen Zielwerte für 2030, 2035 und 2040, eine klare Bilanzgrenze sowie ein Zahlenpfad für Strom, Wärme und Verkehr.

Auch die von Ihnen erwartete „exponentielle“ Entwicklung des Stromverbrauchs wird nicht ausreichend belegt. Sie verweisen im Wesentlichen auf die Entwicklung zwischen 2022 und 2024, die zunehmende Nutzung von Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen sowie auf eine indikative Schätzung eines zusätzlichen Strombedarfs von 80 bis 100 GWh innerhalb der kommenden fünf bis sechs Jahre. Die erbetenen Szenarien mit konkreten Annahmen und Berechnungen wurden jedoch nicht vorgelegt.

Hinzu kommt, dass die Energieversorgung Ostbelgiens nicht isoliert betrachtet werden kann. Sie weisen selbst darauf hin, dass die bestehenden Probleme wesentlich mit unzureichenden Netztransportkapazitäten zusammenhängen und dass die DG in zentralen Bereichen der Energieversorgung nur sehr begrenzte Zuständigkeiten besitzt.

Seit Ihrer Antwort hat sich die belgische Energiepolitik zudem weiterentwickelt. Die föderale Regierung verfolgt mittlerweile ausdrücklich das Ziel, die belgische Kernenergieproduktion auszubauen und den Betrieb von Doel 4 und Tihange 3 möglicherweise über 2035 hinaus zu verlängern. Ende April 2026 wurde bekannt gegeben, dass der belgische Staat mit Engie über die Übernahme der gesamten belgischen Nuklearaktivitäten einschließlich der sieben Reaktoren verhandelt. Zugleich sollen die laufenden Rückbauarbeiten zunächst ausgesetzt werden.

Diese Entwicklungen sind für Ostbelgien unmittelbar relevant. Sie betreffen die künftig verfügbaren belgischen Erzeugungskapazitäten, die Versorgungssicherheit, die Preisentwicklung und den Umfang notwendiger regionaler Erzeugungs- oder Speicherkapazitäten. Ein regionales Energiekonzept kann daher nicht seriös bewertet werden, solange nicht geklärt ist, wie es in die belgische Netz- und Versorgungsplanung eingebettet wird.

In Ihrer Antwort erklären Sie einerseits, Ostbelgien solle seinen Bedarf möglichst „aus eigener Kraft“ decken. Andererseits betonen Sie die Notwendigkeit von Partnerschaften, nationalen und grenzüberschreitenden Netzen sowie den begrenzten Einfluss der DG. Dies wirft die Frage auf, welchen konkreten Inhalt der Begriff „energieautark“ unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch hat.

Da Transparenz nach Ihrer Darstellung einen hohen Stellenwert besitzt, erwarten wir eine lückenlose und nachvollziehbare Beantwortung der noch offenen Fragen einschließlich der zugrunde liegenden Berechnungen, Annahmen, Zielwerte sowie der finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen.

Daher lauten meine Nachfragen an Sie wie folgt:

1.    Welche konkrete Hauptkennzahl verwendet die Regierung, um festzustellen, ob Ostbelgien „energieautark“ ist:
a)    den Anteil der regional erzeugten Energie am gesamten Endenergieverbrauch,
b)    die verbleibende Importquote,
c)    die Fähigkeit zur zeitweisen Selbstversorgung,
d)    oder eine andere Kennzahl?
Bitte nennen Sie das Basisjahr sowie konkrete Zielwerte für 2030, 2035 und 2040.
2.    Was bedeutet Ihre Aussage, den Energieverbrauch einschließlich der Verbrauchserwartungen bis 2040 „aus eigener Kraft“ decken zu wollen?
Bezieht sich dies auf eine rechnerische Jahresbilanz oder muss Ostbelgien seinen Bedarf auch während Winterperioden, Dunkelflauten und Verbrauchsspitzen ohne Energiezufuhr von außerhalb decken können?
3.    Da Sie ausdrücklich nicht nur von Strom-, sondern von Energieautarkie sprechen, welche konkreten Verbrauchswerte erwartet die Regierung für 2030, 2035 und 2040, jeweils getrennt nach:
a)    Strom,
b)    Wärme und Kühlung,
c)    Verkehr,
d)    gewerblicher beziehungsweise industrieller Prozessenergie?
Bitte geben Sie sämtliche Werte in MWh an und legen Sie die zugrunde liegenden Annahmen offen.
4.    Welcher Anteil dieses erwarteten Gesamtenergiebedarfs soll 2030, 2035 und 2040 jeweils
a)    innerhalb der DG erzeugt,
b)    aus anderen Teilen Belgiens bezogen,
c)    aus dem Ausland importiert werden?
Wie lässt sich eine weiterhin erforderliche Energiezufuhr von außerhalb mit dem Begriff „energieautark“ vereinbaren?
5.    Auf welcher konkreten mathematischen oder wissenschaftlichen Grundlage beruht Ihre Aussage, der Stromverbrauch werde sich „exponentiell“ entwickeln?
Welche jährlichen Wachstumsraten setzt die Regierung bis 2030, 2035 und 2040 voraus?
Handelt es sich tatsächlich um ein exponentielles Modell oder lediglich um die Fortschreibung eines kurzfristigen Verbrauchsanstiegs?
6.    Bitte schlüsseln Sie die von Ihnen erwartete Zunahme des Strombedarfs um 80 bis 100 GWh innerhalb der kommenden fünf bis sechs Jahre vollständig auf, insbesondere nach:
a)    Wärmepumpen,
b)    Elektrofahrzeugen,
c)    Unternehmen und Industrie,
d)    öffentlichen Gebäuden,
e)    sonstigen Verbrauchern.
Welche Annahmen wurden zu Effizienzsteigerungen, Eigenverbrauch durch Photovoltaik und möglicher Abwanderung beziehungsweise Ansiedlung größerer Unternehmen getroffen?
7.    Welche Auswirkungen haben die föderalen Pläne zur Ausweitung der Kernenergie, zur möglichen Verlängerung von Doel 4 und Tihange 3 über 2035 hinaus sowie zur möglichen staatlichen Übernahme der belgischen Nuklearaktivitäten auf das Konzept „energieautarkes Ostbelgien“?
Werden dadurch die Annahmen der Regierung zu notwendiger regionaler Stromproduktion, Speicherbedarf, Importabhängigkeit und Versorgungssicherheit verändert?
Falls nein, weshalb werden diese erheblichen nationalen Erzeugungskapazitäten bei einem regionalen Energiekonzept nicht berücksichtigt?
8.    Welche belgischen und internationalen Erzeugungs-, Reserve- und Importkapazitäten stehen Ostbelgien nach Einschätzung der Regierung in fünf beziehungsweise zehn Jahren zur Verfügung?
Welche konkreten Planungen oder schriftlichen Zusagen von Elia, ORES, der Wallonischen Region oder der föderalen Ebene liegen hierzu vor?
Bitte unterscheiden Sie zwischen unverbindlichen Gesprächen, laufenden Prüfungen und verbindlich beschlossenen Maßnahmen.
9.    Da Sie selbst erklären, dass derzeit weniger ein Mangel an erzeugter Energie als vielmehr ein Mangel an Transportkapazität besteht, welche konkreten Netzmaßnahmen sind bis 2030 und 2035 in Ostbelgien geplant?
Bitte nennen Sie für jede Maßnahme
a)    Standort,
b)    verantwortlichen Netzbetreiber,
c)    zusätzliche Leistung beziehungsweise Kapazität,
d)    vorgesehenen Baubeginn,
e)    vorgesehenen Abschluss,
f)    aktuellen Verbindlichkeitsgrad.
10.    Welche konkreten Speicherkapazitäten plant die Regierung bis 2030 und 2035, jeweils in MW-Leistung und MWh Kapazität?
Welchem Zweck sollen diese Speicher vorrangig dienen: Netzstabilität, kurzfristiger Ausgleich, Versorgung in Notfällen, Spitzenkappung oder Stromhandel?
Welche maximale finanzielle Beteiligung, Haftung oder Garantie dürfen die DG und die Gemeinden übernehmen?
11.    Bis wann sollen die juristischen Vorarbeiten zu den von Ihnen genannten Gesellschafts- und Genossenschaftsmodellen abgeschlossen sein?
Wann werden dem Parlament mindestens folgende Angaben vorgelegt:
a)    vorgesehene Beteiligungsstruktur,
b)    Investitionsvolumen,
c)    Risikoaufteilung,
d)    Haftungsobergrenzen,
e)    Ausschreibungsverfahren,
f)    Ausstiegsregeln,
g)    jährliche Berichtspflichten?
12.    Bestätigen Sie, dass eine vollständige Energieautarkie nicht vorliegt, wenn Ostbelgien auch künftig auf belgische Kernkraftwerke, überregionale Netze, nationale Reservekapazitäten oder ausländische Energieimporte angewiesen bleibt?
Falls Sie dennoch am Begriff „energieautarkes Ostbelgien“ festhalten: Welcher fachlich anerkannte Definition entspricht Ihre Verwendung dieses Begriffs konkret?


Antwort von Oliver PAASCH (ProDG), Ministerpräsident:

Der Begriff der Energieautarkie wurde gegen Ende der Legislaturperiode 2019/2024 seitens der Arbeitgeber in den Fokus gerückt. Sie reagierten auf die Erfahrungen, die sie nach dem Beginn des Angriffskritik von Putin auf die Ukraine machen mussten, als die Energiepreise schlagartig in die Höhe schnellten.

Der Begriff bezieht sich nicht ausschließlich auf den Strombedarf, sondern auf alle Formen der Energie. Neben der elektrischen Energie spielt die thermische Energie (Heizungen, Prozesswärme) und die kinetische Energie (Fortbewegung) eine wichtige Rolle. Den sektorenübergreifenden Gesamtverbrauch beziffern wir für 2021 auf mehr als 2.200 GWh/Jahr. Strom macht einen Bruchteil des Verbrauchs aus.

Energieautarkie: mehr ein Prozess als ein punktuelles Ergebnis

Der Begriff bezieht sich nicht nur auf ein punktuelles Ergebnis, sondern beinhaltet einen langen Prozess hin zur Energieautarkie, der bei sofortiger Inangriffnahme voraussichtlich bis 2040 andauern wird. Das Ergebnis der Bemühungen wird nur in vielen Einzelschritten erreicht werden können.

Darüber hinaus setzt der Prozess voraus, dass zahlreiche private oder öffentliche Akteure sich diesem Konzept verpflichten, welches nicht verordnet, sondern verhandelt werden muss.

Energieautarkie – mit Blick auf 2040 – bedeutet nicht, dass wir als eine energiepolitische Insel unseren Bedarf ausschließlich aus eigener Energieproduktion zufrieden stellen. Energieautarkie bedeutet eher, dass wir unseren Anteil an der Energieerzeugung soweit auf- und ausbauen, dass in der DG ebensoviel Energie erzeugt wie verbraucht wird. Dabei ist es vorhersehbar, dass in der DG erzeugte Energie auch anderswo genutzt wird oder dass Energie, die anderswo erzeugt wird, auch in der DG verbraucht werden kann.

Anhand dieser Kurzübersicht am Beispiel Strom dürfte erkennbar sein, dass in der DG aktuell mehr Strom verbraucht wird als in der DG erzeugt wird.

Energieautarkie : mit begrenzten Befugnissen seitens der DG

Und er bezieht sich auf Befugnisse, deren Gestaltung nur bedingt zum aktuellen Befugnisbereich der DG gehören (auch wenn die DG ein existentielles Interesse an diesen Fragen hat). Um das Ergebnis erreichen zu können, braucht die DG zahlreiche Partnerschaften:

–    Mit der Wallonie (die für die Energiepolitik weitgehend befugt ist, Entscheidungen zu treffen – so z. B. zur Organisation des Strom- und Gasmarktes).
–    Mit der föderalen Ebene (die weiterhin für Kernkraft, für off-shore Windanlagen, für die Versorgung mit Erdgas und Erdöl zuständig ist)
–    Mit den Gemeinden (deren Bereitschaft eine Voraussetzung ist, den angestrebten Paradigmenwechsel mitzumachen)
–    Mit privaten Partnern (deren Know How und deren Finanzkapazität gefragt ist, um gemeinsam mit der öffentlichen Hand den Paradigmenwechsel möglich zu machen)
–    Mit den Netzbetreibern (für Strom und für Gas), deren Transport- und Verteilerkapazitäten aufgestockt werden müssen, um dem wachsenden Bedarf gerecht werden zu können.

Und er schließt die Ausschöpfung aller Potentiale ein, die sich aus der Energieeffizienz und der Energieeinsparung (in dieser Frage ist die DG teilweise zuständig – bezogen auf den Wohnungsbau) und/oder aus der Selbstversorgung ergeben.

Das Konzept der Energieautarkie orientiert sich nach folgenden Zielen:

–    die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und die Abhängigkeit von Energieimporten zu vermindern, 
–    die bestmögliche Stabilität der Energiepreise anzustreben und auf diese Weise die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und die Kaufkraft der Haushalte zu fördern, 
–    die Umschichtung vom Verbrauch fossiler Energien auf erneuerbare Energien entsprechend der EU-Ziele voranzutreiben und somit den Klimaschutz und die Klimaresilienz zu unterstützen.
–    Zur Energieautarkie gehören die beiden Szenarien der Selbst- und der Fremdversorgung dazu.

Energieautarkie als Antwort auf Verbrauchsprognosen

Es wird ersichtlich, dass es nicht nur darauf ankommt, den aktuellen Bedarf nach elektrischer Energie seitens der Haushalte und der Betriebe zufrieden zu stellen, sondern auch darüber hinaus Strom zu produzieren, der z.B. zu thermischen Zwecken als Alternative zu fossilen Energien genutzt werden kann – so etwa durch Umwandlung von Strom mit Hilfe der Elektrolyse in Wasserstoff oder durch Zugabe von grünem Wasserstoff in den Fermentierungsprozess zwecks Erzeugung von Biogas aus organischen Abfällen mit gleichzeitiger Minderung der CO²-Emissionen, die ohne Zugabe von Wasserstoff bei der Erzeugung von Methan oder Erdgas (beide haben dieselbe Formel CH4) entstehen.

Die Strategie, ein energieautarkes Ostbelgien zu entwickeln, muss flexibel angelegt sein und als Antwort auf Marktentwicklungen konzipiert werden, wobei der Markt durch viele Parameter beeinflusst wird, die nur bedingt für Zeiträume bis 2030, 2035 oder 2040 mit mathematischer Präzision berechnet werden können. Zu diesen Parametern zählen:

–    Der Reifegrad der verschiedenen technologischen Neuerungen im Bereich der Produktion, der Speicherung, der Umwandlung und der Energieeffizienz von Anlagen. Zur Zeit gibt es eine Reihe von Pionieranlagen, deren Besuch sich lohnt, damit die Entwicklung der Technologien zu konkreteren Aussagen bzgl. der Frage führen, wann und unter welchen Voraussetzungen Investitionen in solche Anlagen erfolgversprechend sind.
–    Innerbelgische Konzertierungen spielen z. B. eine wesentliche Rolle beim Aufbau von Wind- oder Solarkraft. Jeder wird nachvollziehen können, dass Beschreibungen von Zwischenzielen nur dann glaubwürdig sein können, wenn die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen geklärt sind. Es sei daran erinnert, dass die Entscheidungen zum Bau des Einstein-Teleskops oder Entscheidungen der Landesverteidigung zum Ausbau der Windkraft zu diesen Parametern gehören. Die diesbezüglichen Gespräche laufen z. Z. auf Hochtouren.
–    Der Finanzierungsbedarf, der so gemanagt werden kann, dass die gewinnbringenden Anlagen der ersten Generation dazu dienen, die nachfolgenden Generationen von Anlagen zu finanzieren und dies bei bestmöglicher Einschätzung von Risiken und Opportunitäten.
–    Die ökonomische Rentabilität von Anlagen, auf deren Grundlage die Energieautarkie aufgebaut werden kann und die zu verlässlichen Prognosen führen können. Wobei diese nicht nur dadurch bestimmt werden, welche Technologien den erforderlichen Reifegrad erreichen, sondern auch dadurch, ob es sich rechnet, grünen, grauen oder blauen Wasserstoff als Energiequelle einzusetzen, nachdem z. B. die Preise für fossile Energiequellen sich wiederum verändert haben. Die Frage lautet, ob und ab wann die umweltfreundlichen Energieformen wettbewerbsfähig gegenüber Erdöl oder Erdgas oder Atomstrom sein werden. Es muss wohl nicht daran erinnert werden, dass niemand in der Lage sein wird, vorauszusehen, wo sich neue geopolitische Verzerrungen herausstellen oder verschärfen werden.
–    Die Entwicklungen an der Energiebörse können dazu beitragen, den Weg der Energieautarkie zu stören oder zu beschleunigen (z. B. indem Grosseinkäufe von Energie deren Speicherung rentabel machen, weil billig eingekaufte Energie zu normalen Preisen in der DG verfügbar gemacht werden).
–    Wie werden sich die künftigen Energie-Szenarien der föderalen und regionalen Ebene entwickeln? Werden neben den Atomkraftwerken auch andere Szenarien eine zentrale Rolle bei der Energieversorgung spielen? Wie schnell werden die Netzbetreiber in der Lage sein, ihre Transport- und Verteilerkapazitäten aufzurüsten? Usw.

Aus diesen und aus weiteren Gründen plädiert die Regierung dafür, den sich ständig und rasant verändernden Markt genauestens zu beobachten – wenn nötig mit externer Hilfe. Aus der Marktbeobachtung ergeben sich Antworten, dank derer Investitionen zeitlich und finanziell und unter Minimierung von Risiken geplant werden können. Eine solche Strategie aufzubauen, entspricht den aktuellen Bemühungen der Regierung, mit Blick auf eine Zielvorstellung, wie sie dem Konzept 2040 des „energieautarken Ostbelgien“ entspricht.

Die vielen Facetten der Energieautarkie

Wir stellen fest, dass die Erzeugung von Biogas oder die Nutzung von Holz als Energiequelle den Gesamtbedarf nur zu geringeren Teilen abdecken kann. Die Erzeugung von „grünem Strom“ ist dagegen von zentralerer Bedeutung bezogen auf den Gesamtbedarf, insbesondere da (grüner) Strom auch thermisch oder kinetisch genutzt werden kann (was zur Reduzierung des Verbrauchs von fossilen Energien – Erdöl oder fossiles Erdgas – beiträgt).

Die Verbrauchsangaben der privaten Haushalte und der Betriebe dokumentieren die exponentielle Verbrauchsentwicklung innerhalb von nur zwei Jahren und weisen darauf hin, dass diese in den kommenden Jahren weiterhin exponentiell ansteigt, wenn z. B. die E-Mobilität oder das Heizen der Gebäude mit Wärmepumpen in vollem Umfang zu Buche schlagen wird. Es gilt der Hinweis, dass die angestrebte Energieautarkie nicht nur den aktuellen Verbrauchsangaben, sondern auch den Verbrauchsprognosen der kommenden Jahre entsprechen muss.

So kann der Überschuss der Produktion von elektrischer Energie dazu dienen, diese Energie durch Umwandlung in Gasform (H² oder CH4) auch zu thermischen Zwecken nutzen zu können, sei es durch direkte Verbrennung zur kollektiven oder individuellen Beheizung von Gebäuden, sei es als Prozessenergie bei industriellen/gewerblichen Vorgängen. Dabei kann daran gedacht werden, dass Strom, der z.B. im Sommer über Photovoltaik erzeugt wurde, auch im Winter zur Beheizung von Gebäuden genutzt werden kann, wenn er in H² umgewandelt oder als CH4 (wie oben beschrieben) über längere Zeiträume gespeichert oder in das Erdgasnetz eingespeist wird (Die Speicherung von Strom in Batterien eignet sich in der Regel eher für kurzfristige Überbrückungen von Energieflauten).

Und nicht zu vergessen, dass die Umwandlung von Strom in Wasserstoff ein Beitrag ist, auch elektrische Energie noch dann zur Verfügung zu haben, wenn eine Windflaute herrscht oder wenn Photovoltaik zu wenig Ertrag bringt, indem Wasserstoff über gasbetriebene Stromgeneratoren in Strom und Hitze rückverwandelt werden kann – wobei die Herausforderung darin besteht, dass die entsprechenden Technologien sich weiter entwickeln, um Verluste, die noch bei Umwandlungsprozessen anfallen, zu mindern.

Ebenso wird deutlich, dass die Erzeugung von Strom und dessen Speicherung dazu dienen kann, die individuelle E-Mobilität zu fördern, z. B. indem Strom aus eigener Produktion (Photovoltaik) gespeichert und auf die Autobatterie umgeladen werden kann. Auch die kollektive oder die allgemeine E-Mobilität kann gefördert werden, wenn der überschüssig erzeugte Strom genutzt wird, um damit Ladestationen zu bedienen, die der Allgemeinheit oder den Öffentlichen Verkehrsmitteln zugänglich sind.

Die Wallonische Region veröffentlicht regelmäßig die wichtigsten Energie- und Klimadaten für die Deutschsprachige Gemeinschaft. Diese sind ein wesentliches Instrument, um beispielsweise die Umsetzung der Klimaziele zu überprüfen. Folgende Grafik zeigt den Energieverbrauch und die CO2-Emissionen in den Jahren 2006, 2019, 2020 und 2021 für die Sektoren Gewerbe, Handel, Dienstleistungen, Industrie, Kommunale Einrichtungen, Landwirtschaft, Private Haushalte und Verkehr


Energieverbrauch verschiedener Sektoren 2006, 2019, 2020, 2021 (in MWh)
Quelle: SPW

Der Gesamtenergieverbrauch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft stieg von 2006 bis 2021 um 14,8 Prozent an. Im Vergleich zu 2019 stieg der Gesamtenergieverbrauch 2021 um 4,0 Prozent an. Während der Verbrauch der Haushalte und der Dienstleistungen (inkl. Handel und Gewerbe) im genannten Zeitraum abnahm, stieg er seit 2006 kontinuierlich im Bereich Industrie und zwischen 2020 und 2021 im Bereich Verkehr. Es stellt sich hier die Frage, wie viel Potential im Bereich der (geförderten) Energieeinsparung und -effizienz enthalten ist. Der Energieverbrauch in den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr machte 2021 rund 98 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs der Deutschsprachigen Gemeinschaft aus. Der Bereich Wärme ist mit 56 Prozent der energieintensivste.

Der exponentielle Charakter des Energieverbrauchs ergibt sich aus:

–    Dem Vergleich des aktuellen Energieverbrauchs und den 10 bis 15 Jahren davor
–    Dem Vergleich des Stromverbrauchs mit der Entwicklung vom fossilen oder spaltbaren Energieverbrauch

 
(Quelle Ores – bzgl. aktuellem Stromverbrauch am Beispiel des Kantons Eupen).

Wir müssen davon ausgehen, dass der Strombedarf sich in den kommenden Jahren exponentiell entwickeln wird. Die privaten Haushalte werden ihre Heizsystem mehr und mehr auf Wärmepumpen umstellen, was zu einer Anhebung des Strombedarfs führt – zunächst bezogen auf die Neubauten, nach und nach jedoch auch auf die Nachrüstung von Altbauten. Ferner müssen wir in die Prognose den steigenden Bedarf aufgrund der E-Mobilität einbeziehen. Beide Entwicklungen werden einerseits geprägt durch eine Zunahme der Selbstversorgung (z. B. mittels Photovoltaik), andererseits aber auch durch Lieferung von Strom durch das Stromtransport- und -verteilernetz. Das Preissignal, das ausgeht von der steigenden CO²-Bepreisung wird den Trend zu größerem Stromverbrauch aus regenerativen Quellen oder aus spaltbaren Energien (Uran) voraussichtlich beschleunigen. Es ist anzunehmen, dass der Stromverbrauch im Gewerbe sich schneller und deutlicher entwickeln wird als im Bereich der privaten Haushalte- und zwar umso mehr als der Rückgriff auf fossile Energien die Wettbewerbslage der Betriebe nachteilig beeinflussen wird, indes der Rückgriff auf Atomstrom oder auf grünen Strom die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe mittelfristig stabilisiert oder gar verbessert. Da alle Preisentwicklungen auch Reaktionen auf geopolitische Verwerfungen (Krisen und Auseinandersetzungen, unvorhersehbare Zölle oder andere protektionistische Massnahmen usw.) sind, ist es schwer, die Entwicklungsprognosen exakt zu beziffern.

Anteil erzeugter Energie aus erneuerbaren Quellen am jeweiligen Verbrauch in den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr sowie am Gesamtenergieverbrauch 2006, 2019, 2020, 2021 (in %) – Quelle: SPW

Im Strombereich entsprach die Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen (insbesondere durch Windkraft, Biomasse und Photovoltaik) im Jahr 2021 54,5 Prozent des Energieverbrauchs. Im Vergleich zu 2019 ging der Anteil 2021 um 8,2 Prozentpunkte zurück. Im Wärmebereich entsprach die Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen (insbesondere durch Biomasse) im Jahr 2021 26,2 Prozent des Energieverbrauchs. Im Vergleich zu 2019 stieg der Anteil 2021 um 2,3 Prozentpunkte an. Im Verkehrsbereich entsprach die Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen im Jahr 2021 0,6 Prozent. Im Vergleich zu 2019 stieg der Anteil 2021 um 0,2 Prozentpunkte an.

Vor dem Hintergrund dieser Angaben erkennt man die Wichtigkeit, den Energieverbrauch einzuschränken – insbesondere wenn es um thermische Energie oder um die Mobilität geht. Gesteigerte Energieeffizienz (z. B. bzgl. der Heizanlagen) geht einher mit geringerem Energieverbrauch (z. B. in Form besserer Wärmedämmung der Gebäude).

Es wird zu überlegen sein, inwieweit ein Überschuss an elektrischer Energie, die auf regenerativer Basis erzeugt wird, dazu beitragen kann, durch Umwandlung oder Speicherung (mit angekoppelten Nahwärmenetzen) als thermische Energie das Tempo zu mehr klimaneutralem Hitzeverbrauch zu beschleunigen.

Ferner wird zu überlegen sein, inwieweit Energie in Gasform (Methan oder Wasserstoff) einen Beitrag zur Versorgungssicherheit, zur Preisstabilität und zu klimaneutralem Verbrauch beitragen kann.

Diese Entwicklungen sind 

–    teils kurzfristig verursacht (siehe die international geopolitischen Verwerfungen wie z. B. Energieimporte aus Russland oder durch die Strasse von Hormuz – diese Verwerfungen sind mathematisch nicht im Voraus berechenbar, ausser dass man feststellt, dass kurzfristig gestiegene Energiekosten nach dem Abflauen der Ursachen selten bis auf das Niveau entsprechend oder unterhalb des Niveaus vor dem Preisanstieg fallen)
–    teils von langer Hand vorhersehbar (siehe die CO²-Bepreisung durch die EU und mit Zustimmung der Mitgliedsländer und den dadurch forcierten Quoten-Handel mit Treibhausgasen: sie verursachen eine Abkehr von fossilen Energien und fördern die Elektrifizierung des Energieverbrauchs)

Die Entwicklung des Energieverbrauchs erfolgt recht unterschiedlich, je nachdem ob es um den Stromverbrauch geht oder um Energieeinsparungen und Energieeffizienz. Wobei für Belgien zu bemerken ist, dass z. B. die Wasserstofftechnologie in den Szenarien der föderalen oder regionalen Instanzen keine wesentliche Rolle spielt im Vergleich zur Weiterführung oder dem Ausbau der spaltbaren Energien.

Der belgische Energiemarkt inspiriert sich deutlich mehr vom französischen Modell, welches auf zentraler Produktion und auf Atomkraft beruht, indessen auf deutscher Seite mehr auf regenerative Energiequellen gesetzt wird und auf eine dezentrale Produktion (aktuell ablesbar anhand von Pionieranlagen, die zu studieren wir als DG ein vorrangiges Interesse haben, weil sie dazu beitragen, Energieautarkie zu fördern).

Klar dürfte aber auch sein, dass wir keine Abstraktion machen können von den Szenarien, die föderal oder regional in Belgien entwickelt werden, deren Ausführung uns vor die Problematik der Transportnetze stellt. Die innerbelgischen Szenarien haben sich auf die Produktion (z. B. von Strom) fokussiert, aber die Frage danach, wie der Strom von der Zentrale bis in die Steckdose kommt, nicht rechtzeitig mit bedacht.

Die Leitungen für den Stromtransport in der Eifel verfügen über eine Kapazität von 70 (von Amel bis Sankt Vith und von Sankt Vith bis Houffalize) resp. 110 kV (von Bütgenbach über Amel nach Malmedy). Auch im Norden der DG gibt es mangels Transportkapazität Lieferengpässe. Diese Kapazitäten reichen nicht aus, wenn erneuerbarer Strom in großen Mengen in die Netze eingespeist werden sollen. Sie reichen ebenfalls nicht aus, um die gewerbliche Kundschaft mit ausreichend Strom zu beliefern – wie momentane Lieferengpässe illustrieren – abgesehen davon, dass Reservierungen für Stromlieferungen, die nicht in Anspruch genommen werden, andere Kunden behindern, deren zu liefernde Strommenge aufgestockt werden muss.

Aus der Diskussion mit den Netzbetreibern Elia und Ores ergibt sich, dass die Nachrüstung der Transportnetze für den Kanton Eupen voraussichtlich 3 bis 5 Jahre und für den Kanton Sankt Vith voraussichtlich 8 bis 10 Jahre in Anspruch nehmen wird. Die Antwort der Wallonie (siehe das Dekret von Ende 2025 bzgl. der Organisation des Energiemarkts) besteht darin, dass bis auf weiteres die seitens der Betriebe erforderlichen Strommengen einer Politik untergeordnet werden, die in An- und Abschaltungen von Lieferungen (im Viertelstunden-Takt) besteht, damit alle bedient werden können. Dieses Szenario setzt voraus, dass die Betriebe sich mit Batterien oder mit Anlagen zur Selbstversorgung ausrüsten müssen, um die jeweilige Viertelstunde überwinden zu können. Aus diesem Grund organisiert die Regierung trotz begrenzter Zuständigkeiten derzeit Besuche von Pionieranlagen, mit dem Ziel, die Versorgung mit Energie innerhalb kürzerer Fristen bewerkstelligen zu können.

Im Fokus stehen dabei die Umwandlung und Speicherung von Strom in Form von Wasserstoff, der in Form von Hitze und Strom mittels Blockheizkraftwerken genutzt werden kann. Bzgl. der Produktion von Methan wird die Regierung in vergleichbarer Weise Pionieranlagen besuchen, die über Biomethanisierung mehr CH4 und weniger CO² erzeugen. Da Methan und Erdgas dieselben Eigenschaften haben, kann das auch dazu dienen, die privaten Haushalte über das Erdgasnetz zu versorgen.

 

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