Schriftliche Frage Nr. 171 28. August 2026 – Frage von Frau E. JADIN an Herrn Minister FRANSSEN zur finanziellen Selbstständigkeit und Vorsorge junger Menschen Welche Rolle spielt Finanzbildung derzeit in den Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft? Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht. Frage von Evelyn JADIN (PFF), vom 06. Juli 2026: Die aktuelle Debatte um die belgische Pensionsreform zeigt deutlich, wie wichtig finanzielle Eigenverantwortung und private Vorsorge künftig werden. Laut einer aktuellen Umfrage des Allfinanzierers CBC fühlt sich eine Mehrheit der Belgierinnen und Belgier schlecht über ihre finanzielle Situation im Alter informiert. Mehr als jeder Zweite befürchtet, den heutigen Lebensstandard im Ruhestand nicht halten zu können. Gleichzeitig treffen junge Menschen bereits früh Entscheidungen über Ausbildung, Beruf, Familiengründung oder Erwerbsverläufe. Diese Entscheidungen prägen nicht nur ihren Lebensweg, sondern können auch erhebliche Auswirkungen auf ihre spätere finanzielle Situation und Altersvorsorge haben. Zudem zeigen verschiedene Beiträge und Umfragen, dass Zukunftsängste rund um Arbeitsmarkt, künstliche Intelligenz und wirtschaftliche Entwicklungen bei Jugendlichen zunehmen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob junge Menschen ausreichend darauf vorbereitet werden, die langfristigen finanziellen Folgen ihrer Lebensentscheidungen einschätzen zu können. Daher möchte ich, werte Frau Parlamentspräsidentin, Herrn Minister Franssen folgende Fragen stellen: 1. Welche Rolle spielt Finanzbildung derzeit in den Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft? 2. In welchen Unterrichtsfächern oder Lernbereichen werden langfristige finanzielle Lebensplanung, Altersvorsorge, Vermögensaufbau und die finanziellen Auswirkungen unterschiedlicher Erwerbsbiografien behandelt? 3. Liegen der Regierung Erkenntnisse darüber vor, wie gut Jugendliche auf langfristige finanzielle Entscheidungen vorbereitet sind? 4. Wird im Rahmen der Berufsorientierung oder anderer Bildungsangebote thematisiert, welche Auswirkungen unterschiedliche Erwerbsverläufe (etwa Teilzeitbeschäftigung, Elternzeiten oder Erwerbsunterbrechungen) auf die spätere finanzielle Absicherung haben können? 5. Wird im Rahmen der aktuellen Entwicklung von Rahmenplänen und Kompetenzzielen geprüft, Finanzbildung und langfristige finanzielle Lebensplanung künftig stärker zu verankern? 6. Sieht die Regierung darüber hinaus Handlungsbedarf, um Finanzkompetenz und finanzielle Selbstständigkeit junger Menschen weiter zu stärken? 7. Welche Maßnahmen oder Bildungsangebote werden in der Deutschsprachigen Gemeinschaft angeboten oder gefördert, um insbesondere Personen mit erhöhtem Risiko für Altersarmut Kenntnisse über finanzielle Vorsorge, Vermögensaufbau und langfristige finanzielle Absicherung zu vermitteln? Antwort von Jérôme FRANSSEN (CSP), Minister für Unterricht, Ausbildung und Beschäftigung: 1. Welche Rolle spielt Finanzbildung derzeit in den Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft? Grundlegende Finanzkompetenzen sind bereits heute Bestandteil des Unterrichts in der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Ihre Vermittlung erfolgt altersgerecht und in unterschiedlicher Tiefe – von ersten Erfahrungen im Umgang mit Geld in der Primarschule bis zu vertieften wirtschaftlichen Fragestellungen in bestimmten Studienrichtungen des Sekundarunterrichts. Der geltende Rahmenplan Mathematik beispielsweise gewährleistet bereits in der Grundschule ein Mindestmaß an Kompetenzen im Bereich Finanzen. So wird in vielen Grundschulen der Umgang mit Geld bereits ab dem 1. Schuljahr gefördert. Der Umgang mit Spielgeld in Form von Münzen und Scheinen sowie das Rechnen mit Geld als Beispiel für das Rechnen mit Größen haben in zahlreichen Schulen einen festen Platz im Mathematikunterricht. Teilweise werden Fragestellungen rund um das Thema Finanzen auch in konkrete Projekte eingebunden, etwa bei der gemeinsamen Vorbereitung und Finanzierung von Ausflügen. Sie werden mit verschiedenen Fragen zu diesem Thema konfrontiert wie beispielsweise „Wie können wir uns diesen Ausflug finanzieren?” oder “Welche Aktionen können wir durchführen, um die Kosten zu verringern?“. Wichtige Finanzkompetenzen werden somit bereits ab dem ersten Primarschuljahr angebahnt und in unterschiedlichen Unterrichtsformen aufgegriffen. In den Sekundarschulen nimmt die Vermittlung von Finanzkompetenzen ebenfalls einen wichtigen Stellenwert ein. Insbesondere ab dem dritten Sekundarschuljahr werden in den Studienrichtungen der Fächergruppe Wirtschaftswissenschaften Themen wie Überschuldung und Schuldenprävention, der verantwortungsvolle Umgang mit Geld, die kritische Prüfung von Kreditangeboten sowie Sparen und Budgetplanung behandelt. Ziel ist es, die Schüler zu einem reflektierten und eigenverantwortlichen Umgang mit finanziellen Entscheidungen zu befähigen und ihre Finanzkompetenzen weiter zu fördern. Darüber hinaus ermöglichen schulische Praxisprojekte eine unmittelbare Anwendung wirtschaftlicher und finanzieller Kompetenzen. In einzelnen Schulen übernehmen Schüler im Rahmen eines Schulkiosks Aufgaben wie Einkauf, Kalkulation, Preisgestaltung und Abrechnung. Besonders hervorzuheben sind die Mini-Unternehmen, bei denen Schüler der Oberstufe über einen längeren Zeitraum ein eigenes Unternehmen gründen und führen. Sie entwickeln eine Geschäftsidee, erstellen einen Geschäfts- und Finanzplan, beschaffen Startkapital, kalkulieren Preise, organisieren Einkauf und Verkauf und befassen sich mit Einnahmen, Ausgaben, Löhnen, Steuern sowie Gewinn- und Verlustrechnungen. Dadurch erwerben sie nicht nur theoretische Kenntnisse, sondern erleben unmittelbar, welche finanziellen und unternehmerischen Folgen ihre Entscheidungen haben. Ergänzt werden diese Angebote durch die Aktivitäten des Studienkreises Schule & Wirtschaft. Dieser bringt Schulen, Jugendliche und Unternehmen durch Unternehmensbesuche, Begegnungen mit Unternehmern, berufsorientierende Veranstaltungen, Planspiele, Bewerbungstrainings und weitere praxisnahe Projekte miteinander in Kontakt. Damit werden wirtschaftliche Zusammenhänge, Berufsbilder und unternehmerisches Handeln für Schüler konkret erfahrbar. 2. In welchen Unterrichtsfächern oder Lernbereichen werden langfristige finanzielle Lebensplanung, Altersvorsorge, Vermögensaufbau und die finanziellen Auswirkungen unterschiedlicher Erwerbsbiografien behandelt? Im Rahmen von Studienrichtungen zur Fächergruppe Wirtschaftswissenschaften werden vorrangig ab dem 3. Sekundarschuljahr, sei es im allgemeinbildenden Unterricht (bspw. Wahlfach Wirtschafts- oder Sozialwissenschaften), im technischen Befähigungsunterricht (bspw. Marketing und E-Business, Wirtschafts- und Office Management, Büroassistenz, Business Administration usw.) oder im berufsbildenden Unterricht (Büroangestellter, Bürowesen und Verwaltungsinformatik, Verwaltung und Geschäftsführung, Office Assistent usw.), immer die geltenden Lehrpläne zu Wirtschaftswissenschaften umgesetzt. Diese sehen vor, dass sich Schülerinnen und Schüler bereits ab der Unterstufe des Sekundarunterrichts u. a. mit den Themen Taschengeld, Konsumverhalten und Bedürfnisbefriedigung auseinandersetzen, wohingegen die Schüler der Oberstufe sich u. a. mit Fragen der Lebenshaltungskosten, der Einkommenszusammensetzung, des Verbraucherindex und der Besteuerung befassen. Im Mittelpunkt steht die Lebenswelt der Schüler. Dadurch können realitätsnahe Fragestellungen aufgegriffen werden, beispielsweise zur persönlichen Finanzplanung oder zu den finanziellen Auswirkungen unterschiedlicher Ausbildungs- und Erwerbsbiografien. Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler zu einem verantwortungsvollen und aufgeklärten Umgang mit Finanzen und Krediten zu befähigen. Eine besonders praxisnahe Vertiefung erfolgt im Rahmen der Mini-Unternehmen. Die beteiligten Schüler befassen sich unter anderem mit der Beschaffung und Verwendung von Startkapital, der Erstellung eines Finanzplans, der Preisgestaltung, der Kostenrechnung sowie der Gewinn- und Verlustrechnung. Sie lernen dadurch, finanzielle Entscheidungen nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Planung, Verantwortung und Risiko zu betrachten. Auch die Angebote des Studienkreises Schule & Wirtschaft leisten einen Beitrag zur wirtschaftlichen Bildung. Unternehmensbesuche, Begegnungen mit Selbstständigen und Arbeitgebern sowie Projekte zum Unternehmertum und zur regionalen Wirtschaft vermitteln realitätsnahe Einblicke in unterschiedliche Berufs- und Erwerbswege. Damit ergänzen sie den Unterricht und die schulische Berufsorientierung um wichtige praktische Erfahrungen. Darüber hinaus werden entsprechende Fragestellungen auch im Rahmen der beruflichen Orientierung sowie im Bereich der Humanwissenschaften thematisiert. Dabei kann ein direkter Bezug zu den zukünftigen Bildungs-, Berufs- und Lebensentscheidungen der Schüler hergestellt werden. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen soll die Schüler dazu anregen, ihr eigenes Handeln zu reflektieren und fundierte Entscheidungen für ihre eigene Zukunft zu treffen. Ergänzend bietet Jugendinfo Ostbelgien zur Förderung der Finanzkompetenzen von Schülern an ihren Standorten Eupen und St. Vith zweistündige Animationen ab dem 4. Sekundarschuljahr zum Thema „Budget im Blick: Wie teile ich meinen ersten Lohn richtig ein?“ an. Zudem hat Jugendinfo Ostbelgien in Zusammenarbeit mit der Verbraucherschutzzentrale den Workshop „Auf eigenen Beinen stehen“ entwickelt. Dieser behandelt alltagsrelevante Themen wie bspw. Versicherungen, Kontoführung, finanzielle Unterstützung sowie die Anmietung und Organisation der ersten eigenen Wohnung. Darüber hinaus bietet die Verbraucherschutzzentrale verschiedene Angebote zur Schuldenprävention an, darunter das Gesellschaftsspiel „Budget im Blick“, das kooperative Rollenspiel „der Schuldenwolf“, das Gesellschaftsspiel „Just’In Budget, das Rollenspiel „Geld auf den Tisch“. 3. Liegen der Regierung Erkenntnisse darüber vor, wie gut Jugendliche auf langfristige finanzielle Entscheidungen vorbereitet sind? Der Regierung liegen derzeit hierzu keine belastbaren Erkenntnisse vor. Die bestehenden Leistungs- und Bildungsdaten erfassen diesen Kompetenzbereich nicht gesondert. 4. Wird im Rahmen der Berufsorientierung oder anderer Bildungsangebote thematisiert, welche Auswirkungen unterschiedliche Erwerbsverläufe (etwa Teilzeitbeschäftigung, Elternzeiten oder Erwerbsunterbrechungen) auf die spätere finanzielle Absicherung haben können? In der Deutschsprachigen Gemeinschaft haben die Schulen und das Arbeitsamt der Deutschsprachigen Gemeinschaft den gesetzlichen Auftrag erhalten, die berufliche Orientierung zu unterstützen und zu begleiten. Die zu fördernde berufliche Orientierungskompetenz wurde mit ihren verschiedenen Dimensionen im Rahmenplan berufliche Orientierung als mehrphasiger Lern- und Entwicklungsprozess verankert. Dieser Prozess umfasst die Entwicklungsphasen „einstimmen“, „erkunden“, „entscheiden“ und „erreichen“ sowie die Dimensionen „Wissen“, „Motivation“ und „Handlung“. Insbesondere in der dritten Stufe der Sekundarschule werden die Schüler in der Entwicklungsphase „Entscheiden“ an Auswirkungen ihres eigenen Handelns herangeführt. So sollen sie befähigt werden, mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen umzugehen und Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen. Die konkreten Auswirkungen von Teilzeitbeschäftigung, Elternzeiten oder Erwerbsunterbrechungen auf Einkommen, soziale Absicherung und spätere Pension sind im geltenden Rahmenplan jedoch nicht als eigenständige verbindliche Inhalte ausgewiesen. Sie können im pädagogischen Gestaltungsspielraum der Schulen und Lehrkräfte aufgegriffen werden. 5. Wird im Rahmen der aktuellen Entwicklung von Rahmenplänen und Kompetenzzielen geprüft, Finanzbildung und langfristige finanzielle Lebensplanung künftig stärker zu verankern? Im Rahmen der aktuellen Neuentwicklung der Rahmenpläne wird geprüft, wie Finanzkompetenz als lebenspraktische, fächerübergreifende Kompetenz klarer und für alle Schüler zugänglich verankert werden kann. Dabei wird geprüft, ob neben Haushaltsführung, Konsum, Krediten und Schuldenprävention auch langfristige Fragestellungen wie Sparen, Vorsorge, finanzielle Risiken und die Folgen unterschiedlicher Erwerbsverläufe stärker berücksichtigt werden sollen. Über die konkrete Ausgestaltung wird aktuell im Entwicklungsprozess entschieden. 6. Sieht die Regierung darüber hinaus Handlungsbedarf, um Finanzkompetenz und finanzielle Selbstständigkeit junger Menschen weiter zu stärken? Die Regierung sieht insbesondere bei der systematischen Vermittlung langfristiger Finanzkompetenzen weiteren Entwicklungsbedarf. Dabei geht es nicht um die Empfehlung einzelner Finanzprodukte, sondern um ein grundlegendes Verständnis von Einkommen, Ausgaben, Rücklagen, Krediten, Risiken, Vorsorge und den finanziellen Folgen persönlicher Lebensentscheidungen. Die Rahmenplanentwicklung sowie die Zusammenarbeit mit Jugendinfo, Verbraucherschutzzentrale, dem Studienkreis Schule und Wirtschaft und weiteren fachlich unabhängigen Akteuren bieten hierfür geeignete Ansatzpunkte. 7. Welche Maßnahmen oder Bildungsangebote werden in der Deutschsprachigen Gemeinschaft angeboten oder gefördert, um insbesondere Personen mit erhöhtem Risiko für Altersarmut Kenntnisse über finanzielle Vorsorge, Vermögensaufbau und langfristige finanzielle Absicherung zu vermitteln? Im schulischen Bereich stehen vor allem die Vermittlung grundlegender Finanzkompetenzen, der verantwortungsvolle Umgang mit Geld sowie die Schuldenprävention im Mittelpunkt. Ergänzend stehen die bereits genannten Angebote von Jugendinfo Ostbelgien und der Verbraucherschutzzentrale zur Verfügung. Die Mini-Unternehmen und die Projekte des Studienkreises Schule & Wirtschaft tragen zudem dazu bei, wirtschaftliche Zusammenhänge, unterschiedliche Erwerbsmöglichkeiten und eigenverantwortliches Handeln frühzeitig erfahrbar zu machen. Diese präventiven Bildungsangebote richten sich jedoch nicht spezifisch an Personen, bei denen bereits ein erhöhtes Risiko für Altersarmut besteht. Für diese Zielgruppe sind vor allem die zuständigen Beratungs-, Sozial- und Erwachsenenbildungseinrichtungen von Bedeutung. Die Regierung wird prüfen, ob die bestehenden Informations- und Beratungsangebote ausreichend gebündelt und zielgruppengerecht zugänglich sind.
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