Fragen und Antworten

Schriftliche Frage Nr. 163

22. Juli 2026 – Frage von Frau E. JADIN an Frau Ministerin KLINKENBERG zum Zusammenhang zwischen Kinderbetreuung und psychischer Gesundheit von Eltern

Wie bewertet die Regierung die Ergebnisse der genannten Studie hinsichtlich der psychischen Gesundheit von Eltern?

Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht.
 
 
Frage von Evelyn JADIN (PFF), vom 17. Juni 2026:
 
Eine aktuelle Studie der Freien Krankenkassen zeigt, dass berufstätige Mütter deutlich häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen sind als Väter. Besonders betroffen sind Alleinerziehende sowie Familien mit mehreren Kindern. Die Untersuchung macht deutlich, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele Eltern eine tägliche Herausforderung darstellt und erhebliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit haben kann.
 
Die Ergebnisse werfen zugleich die Frage auf, wie Familien so unterstützt werden können, dass Eltern sowohl ihren familiären als auch ihren beruflichen Aufgaben gerecht werden können, ohne dauerhaft an ihre Belastungsgrenzen zu stoßen.
 
Dabei kommt einer verlässlichen und bedarfsgerechten Kinderbetreuung eine zentrale Bedeutung zu. Sie ermöglicht Eltern die Teilhabe am Berufsleben, schafft Entwicklungschancen für Kinder und trägt zur Chancengleichheit bei. Gleichzeitig kann sie Familien im Alltag entlasten und dazu beitragen, Belastungssituationen vorzubeugen.
 
Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der steigenden Anforderungen an Familien gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Kinderbetreuungsangebote ausgestaltet werden müssen, damit sie den Bedürfnissen von Eltern und Kindern bestmöglich gerecht werden.
 
Vor diesem Hintergrund möchte ich, werte Frau Parlamentspräsidentin, Frau Ministerin Klinkenberg folgende Fragen stellen:
1. Wie bewertet die Regierung die Ergebnisse der genannten Studie hinsichtlich der psychischen Gesundheit von Eltern?
2. Liegen der Regierung Daten oder Erkenntnisse zur psychischen Belastung von Eltern in der Deutschsprachigen Gemeinschaft vor?
3. Gibt es Überlegungen oder Initiativen, die Prävention psychischer Belastungen von Eltern künftig stärker in familienpolitische Maßnahmen einzubinden?
4. Welche Maßnahmen und Unterstützungsangebote bestehen derzeit, um Eltern bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu begleiten und zu entlasten?
5. Wie bewertet die Regierung die aktuelle Situation der Kinderbetreuung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft im Hinblick auf die Bedürfnisse berufstätiger Familien?
6. Welche Maßnahmen wurden in den vergangenen Jahren ergriffen, um das Angebot an Kinderbetreuungsplätzen auszubauen, und welche weiteren Entwicklungen sind geplant?
7. Welche Maßnahmen ergreift die Regierung, um die Verlässlichkeit und Kontinuität von Kinderbetreuungsangeboten für Familien sicherzustellen?
 
 
Antwort von Lydia KLINKENBERG (ProDG), Ministerin für Gesundheit, Soziales, Familie und Wohnungswesen:
 
Die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse, insbesondere die Studie der Freien Krankenkasse für den Zeitraum 2017–2025, belegen eindrücklich, dass Elternschaft – und hier insbesondere Mutterschaft – mit einem erhöhten Risiko für psychische Belastungen und daraus resultierender Arbeitsunfähigkeit verbunden ist.
Ein zentraler Befund ist die weiterhin ungleiche Verteilung familiärer Betreuungsaufgaben. Trotz einer hohen Erwerbsbeteiligung von Müttern tragen Frauen nach wie vor den überwiegenden Anteil der unbezahlten Care-Arbeit. Diese umfasst nicht nur physische Tätigkeiten, sondern auch organisatorische Verantwortung („Mental Load“) sowie emotionale Unterstützung und Beziehungsarbeit. Gleichzeitig bleibt die Erwerbsquote von Vätern hoch, wodurch sich für Mütter häufig eine doppelte Belastung ergibt.
 
Diese Mehrfachbelastung hat messbare Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Studien zeigen, dass etwa jede zweite Mutter in Europa unter psychischen Belastungen wie Angstzuständen oder Depressionen leidet. Diese Entwicklungen gehen oftmals mit Schuldgefühlen sowie einem schleichenden Erschöpfungsprozess einher. Verstärkt wird diese Situation durch gesellschaftliche Rollenerwartungen und einen zunehmenden Leistungsdruck, der unter anderem auch durch idealisierte Darstellungen von Elternschaft in sozialen Medien geprägt ist.
 
Der Wandel der Geschlechterrollen hat die Situation zusätzlich verändert. Während früher eine klare Aufgabenteilung zwischen Erwerbsarbeit (überwiegend durch den Vater) und familiärer Sorgearbeit (überwiegend durch die Mutter) bestand, wird heute von beiden Elternteilen erwartet, sowohl im Berufsleben als auch im familiären Bereich gleichermaßen kompetent und engagiert zu sein. Diese Entwicklung führt insbesondere bei Frauen zu einem erhöhten Druck im beruflichen wie privaten Kontext.
 
Trotz bestehender staatlicher Maßnahmen, wie etwa Regelungen zum Eltern- und Vaterschaftsurlaub, zeigt sich in der Praxis, dass diese Angebote nicht in ausreichendem Maße genutzt werden. Häufig übernehmen weiterhin Mütter den Großteil der familiären Verpflichtungen. Traditionelle Rollenbilder und gesellschaftliche Normen spielen hierbei eine wesentliche Rolle. Eine stärkere Inanspruchnahme von Vaterschaftsurlaub könnte nachweislich zur Reduktion von Stress bei Müttern sowie zu einer verbesserten psychischen Gesundheit beider Elternteile beitragen.
 
Die erhöhte psychische Belastung von Müttern spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Studie wider, wonach Mütter ein etwa doppelt so hohes Risiko für Arbeitsunfähigkeit infolge elterlichen Stresses aufweisen wie Väter.
 
Ergänzend hierzu haben die belgischen Psychologinnen Prof. Dr. Isabelle Roskam und Prof. Dr. Moira Mikolajczak in den vergangenen Jahren grundlegende Forschungsarbeit zum sogenannten „Eltern-Burnout“ geleistet. Seit 2015 untersuchen sie systematisch dessen Ursachen, Auswirkungen und Präventionsmöglichkeiten.
 
Ihre Forschung zeigt, dass Eltern-Burnout eine eigenständige Problematik darstellt, die sich zwar in der Erschöpfung mit dem klassischen Burnout überschneidet, jedoch spezifische Merkmale aufweist. Dazu zählen insbesondere eine emotionale Distanzierung gegenüber den eigenen Kindern, ein Verlust der elterlichen Handlungssicherheit sowie ein stark empfundener Unterschied zwischen dem Zustand vor und nach dem Burnout.
 
Zu diesem Thema haben die beiden Forscherinnen, in Zusammenarbeit mit ihrem Team, weltweit das Forschungsfeld weiterentwickelt und zahlreiche Publikationen, darunter wissenschaftliche Artikel sowie Bücher veröffentlicht - eines richtet sich an Eltern (Elterlicher Burnout: vorbeugen und überwinden).
 
Die Ursachen für ein Eltern-Burnout sind vielfältig. 
 
Zu den zentralen Einflussfaktoren zählen: 
der Wandel der Geschlechterrollen
gestiegene gesellschaftliche Erwartungen an „gute Elternschaft“
der Einfluss staatlicher Rahmenbedingungen und rechtlicher Vorgaben (wo man Mitte des 20. Jahrhunderts „nur“ dafür sorgen musste, dass das Kind gesund bleibt und zur Schule geht, wird nun die Internationale Konvention über die Kinderrechte zum Schutz und Wohle des Kindes angewandt. Der Staat kontrolliert, ob die Eltern ihre Aufgabe gut machen, und üben so einen gewissen Druck auf die Eltern aus)
die zunehmende Verbreitung von Konzepten „positiver Erziehung“
Wertevermittlung und Botschaften in heutigen Werbekampagnen (externe Erwartungen durch Medien und Werbung)
ein hoher innerer Anspruch der Eltern selbst, den Anforderungen in allen Lebensbereichen gerecht zu werden. 
 
Diese Faktoren können zu einem Ungleichgewicht zwischen elterlichen Ressourcen und Belastungen führen und somit einen Teufelskreis der Überforderung begünstigen.
 
Die Weltgesundheitsorganisation erkennt das Phänomen der elterlichen Überlastung grundsätzlich an, klassifiziert Burnout jedoch derzeit weiterhin im ICD-11 als berufsbezogenes Syndrom und nicht als eigenständige Krankheit im familiären Kontext.
 
Auch wenn der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft derzeit keine spezifischen Daten zur psychischen Belastung von Eltern in Ostbelgien vorliegen, so ist die Problematik nicht zu unterschätzen. Die Regierung erkennt den bestehenden Handlungsbedarf an und setzt sich dafür ein, überlastete Eltern gezielt zu unterstützen und idealerweise bereits frühzeitig zu entlasten.
 
Auch seitens der Akteure im Netzwerk Mentale Gesundheit Ostbelgien wird die psychische Belastung von Eltern als relevantes Thema wahrgenommen. Im Rahmen des Netzwerks finden hierzu regelmäßig Austausche und Diskussionen statt.
 
Aktuell wird geprüft, inwiefern Sensibilisierungsangebote sowohl für Fachkräfte als auch für die breite Bevölkerung entwickelt und ausgebaut werden können, um das Bewusstsein für dieses Thema zu stärken und präventiv darauf einzuwirken.
 
Zur frühzeitigen Unterstützung stehen bereits die Psychologinnen und Psychologen der Ersten Linie (ELP) zur Verfügung.
 
Darüber hinaus besteht ein Gruppenangebot zum Thema Stressbewältigung unter dem Titel „Stresssituationen anders bewerten und bewältigen“, das über das Netzwerk Mentale Gesundheit Ostbelgien angeboten wird.
Die weiteren Überlegungen gehen dahin, gezielte Angebote für Eltern zu entwickeln, um sie im Umgang mit entsprechenden Herausforderungen zu unterstützen und präventiv tätig zu werden.
 
Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass viele der maßgeblichen Faktoren zur Vermeidung psychischer Belastungen von Eltern stark von der institutionellen Zuständigkeitsverteilung innerhalb des belgischen Staatsgefüges abhängen.
 
Insbesondere zentrale Instrumente wie thematische Urlaube, arbeitsrechtliche Regelungen oder flexible Arbeitszeitmodelle fallen in die Zuständigkeit der föderalen Ebene. In diesen Bereichen verfügt die Deutschsprachige Gemeinschaft über keine unmittelbaren Gestaltungsmöglichkeiten und kann folglich keinen direkten Einfluss ausüben.
 
Gleichwohl kann die Deutschsprachige Gemeinschaft in ihren eigenen Kompetenzbereichen – insbesondere in der Familien-, Bildungs- und Gesundheitsförderungspolitik – gezielte Beiträge leisten. Dazu zählen etwa der Ausbau von Beratungs- und Unterstützungsangeboten für Familien, Maßnahmen im Bereich der frühkindlichen Betreuung sowie Initiativen zur Sensibilisierung und Prävention.
 
Die Prävention psychischer Belastungen von Eltern ist Bestandteil einer umfassenderen Präventionsstrategie auf familiärer Ebene. Der Arbeitsbereich Systemische universelle Prävention von Kaleido hat die bestehenden Angebote für Familien analysiert und im Konzept „FamilienStark“ weiterentwickelt. Dabei stand insbesondere das Erreichen der Familien im Fokus. Im konzeptuellen Rahmen wurde die Zielsetzung formuliert, alle Angebote lebensweltorientiert und niederschwellig anzulegen. Bestehende Angebote werden dahingehend überprüft und angepasst; neue Angebote sollen diese Zielsetzung klar verfolgen. Mit dem neuen Konzept ist außerdem die Zielsetzung entstanden, noch stärker den Fokus auf Bindung und Beziehung zu legen, sodass die Kursangebote zukünftig gemeinsam auf Kind und Bezugsperson ausgerichtet werden.
 
Deutlich wird, dass die bestehenden Angebote auf Familienebene enger miteinander verzahnt werden sollen, um Eltern frühzeitig zu stärken, Belastungen vorzubeugen und ihre Resilienz zu fördern.
 
Zur Unterstützung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie zur Entlastung im Alltag bestehen bereits vielfältige Angebote wie Eltern-Kind-Kurse, inhaltliche Impulsbeiträge, Elterncafés sowie Elterntrainings wie STEP-Training und Wortschätze.
 
STEP ist ein systematisches Elterntraining, das Eltern dabei unterstützt, den Familienalltag respektvoll, kooperativ und stressärmer zu gestalten. Es vermittelt alltagsnahe Werkzeuge, stärkt Selbstwirksamkeit, Beziehungskompetenz und den lösungsorientierten Umgang mit Belastungen.
 
In Bezug auf die Frage bietet STEP vor allem konkrete Entlastung und Stärkung für Eltern im Familienalltag. Das Programm hilft, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten, Rollen zu klären und das familiäre Miteinander zu verbessern, was sich auch positiv auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auswirken kann. Durch Selbstlernphasen, den Austausch in der Gruppe und anschließende Austauschtreffen entsteht ein nachhaltiges Unterstützungsangebot für Eltern. Zukünftig wird auch das STEP-Training für Jugendliche angeboten.
 
In Planung für das kommende Schuljahr ist ein offenes Spielgruppenangebot, welches Eltern und Kindern einen geschützten Raum für Austausch, Spiel und Bewegung bietet. Im Mittelpunkt steht dabei die gegenseitige Stärkung von Eltern und Kindern. Eine Fachkraft von Kaleido begleitet die Gruppe, gestaltet den Rahmen pädagogisch und moderiert den Austausch. Dabei behält sie die Gruppendynamik im Blick und kann aktuelle Themen bei Bedarf aufgreifen sowie an weitere Angebote von Kaleido oder spezialisierte Dienste weitervermitteln.
 
Zudem bietet Kaleido das Elterncafé an. Es ist ein niederschwelliges, aufsuchendes Angebot der Eltern-Kind-Bildung, das in Zusammenarbeit mit Schulen, sozialen Treffpunkten und anderen Partnern dort stattfindet, wo Familien bereits sind. In der Regel treffen sich Eltern wöchentlich, um sich zu Themen rund um Erziehung und Familienleben zu informieren, Erfahrungen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Ziel ist es, Eltern in ihrer Erziehungsrolle zu stärken, ihre Ressourcen zu fördern und insbesondere auch Familien zu erreichen, die klassische Bildungsangebote seltener nutzen.
 
Die Treffen orientieren sich an den Bedürfnissen der Teilnehmenden und setzen auf Begegnung auf Augenhöhe sowie Vernetzung im Sozialraum. Durch den frühen, freiwilligen und vertrauensvollen Kontakt können Belastungen in Familien frühzeitig erkannt und Unterstützung angeboten werden, bevor sich Probleme verfestigen. Das Elterncafé stärkt damit die elterlichen Kompetenzen, fördert soziale Netzwerke und leistet einen wichtigen Beitrag zur Prävention von Entwicklungs- und Erziehungsrisiken.
 
WortSchätze ist ein universelles Elterntraining für Eltern von Kindern zwischen 1 und 3 Jahren, das die frühe Sprachentwicklung alltagsintegriert stärkt. Es bietet einen niederschwelligen Rahmen, in dem Eltern sprachförderliche Strategien kennenlernen, sich austauschen und praktische Anregungen für den Familienalltag erhalten.
 
Schon sehr lange hat sich die Eltern-Kind Bildung in der Präventionsarbeit bewährt. Die Eltern-Kind-Bildung (EKB) ist ein präventives Bildungsangebot von Kaleido, das Eltern in ihrer Erziehungs- und Beziehungskompetenz stärkt und sie mit fundiertem Wissen sowie alltagsnahen Impulsen in ihrer Rolle begleitet. Durch kostenlose Vorträge, aufsuchende Angebote und praxisorientierte Trainings werden Eltern befähigt, die Entwicklung ihrer Kinder bewusst zu fördern und eine sichere, wertschätzende Eltern-Kind-Beziehung zu gestalten. Insbesondere für Familien in belastenden Lebenssituationen schafft die EKB einen frühzeitigen Zugang zu Information, Austausch und Unterstützung. Dadurch können Unsicherheiten, Überforderungen und Entwicklungsrisiken früh erkannt und ihnen präventiv begegnet werden, bevor sich Belastungen verfestigen. Die Eltern-Kind-Kurse (EKK) sind ein präventives Angebot von Kaleido zur Förderung der gesunden Entwicklung von Kindern und zur Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung. Die bedarfsorientierten Kurse begleiten Familien von der Schwangerschaft bis ins Jugendalter und vermitteln alltagsnahe Kompetenzen in den Bereichen Gesundheit, Bewegung, Entwicklung und Erziehung. 
 
Ein zentraler Pfeiler der Familienpolitik der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft ist die Kinderbetreuung. Sie stärkt zugleich den Wirtschaftsstandort Ostbelgien. Übergeordnetes Ziel der Regierung ist es, eine hundertprozentige Deckung des tatsächlichen Bedarfs an Kinderbetreuung zu erreichen. Das bedeutet, dass jede Familie, die einen Betreuungsplatz benötigt, einen solchen in Anspruch nehmen kann. Hierdurch sollen zum einen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Eltern eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen, und zum anderen Fachkräfte nach Ostbelgien orientiert werden, die auf eine Kinderbetreuung angewiesen sind. 
 
Ein Instrument zur Umsetzung dieses Ziels ist das Projekt 2.06 „Erneuerung des Online-Portals zur Kinderbetreuung“ des Projektportfolios Ostbelgien 2030. Durch die Schaffung einer neuen, eigenständigen und auf die Bedürfnisse und rechtlichen Vorgaben der Deutschsprachigen Gemeinschaft angepassten sowie zeitgemäßen IT-Infrastruktur sollen die Nutzerfreundlichkeit für die Familien und die Dienstleister gesteigert sowie die Bedarfe dieser Zielgruppen besser erfasst werden. Zudem soll sie Verwaltungsvereinfachung ermöglichen, so dass datenbasierte Entscheidungen unterstützt und flexibel weiterentwickelt werden können. Das Portal soll verwertbare und eindeutige Daten zur Kinderbetreuung liefern sowie realistische Bestandsaufnahmen und Bedarfsanalysen ermöglichen, um bestmöglich auf sich verändernde Bedarfe zu reagieren. Mit der Entwicklung der neuen Fachanwendung erzielt die Deutschsprachige Gemeinschaft darüber hinaus eine bessere Positionierung des Standorts Ostbelgien nach innen und nach außen und kann zudem die Attraktivität Ostbelgiens für Fachkräfte, die eine Kinderbetreuung benötigen, erhöhen. 
 
Zentrale rechtliche Grundlage für die Kinderbetreuung bildet das Dekret vom 31. März 2014 über die Kinderbetreuung, das mehrfach angepasst wurde und die Organisation der Kinderbetreuung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft regelt. In Ergänzung regeln die beiden Ausführungserlasse vom 22. Mai 2014, der Erlass der Regierung über die Dienste und andere Formen der Kinderbetreuung sowie der Erlass der Regierung über die selbstständigen Tagesmütter/-väter die Anerkennung, die Bezuschussung und die einzuhaltenden räumlichen und administrativen Rahmenbedingungen für die Dienstleister.
 
Die Gesetzgebung umfasst diverse Formen der Kleinkindbetreuung für Kleinkinder von null bis drei Jahren (konventionierte und selbstständige Tagesmütter/väter, Kinderbetreuung in Heimarbeit, Co-Strukturen von selbstständigen Tagesmüttern/-vätern, Co-Initiativen, Mini-Kinderkrippen, Kinderkrippen und kinderkrippenähnliche Betreuungsformen sowie Kinderhorte) und der außerschulischen Betreuung für Kinder zwischen drei und zwölf Jahren (reguläre vor- und nachschulische Jahresbetreuung, Betreuung an Ferientagen und pädagogischen Konferenztagen sowie betreute Ferienangebote). Neben dem Zentrum der Deutschsprachigen Gemeinschaft für Kinderbetreuung (ZKB) sind mehrere VoGs, selbstständige Akteure und auch einige Gemeinden Träger der Angebote. Eine Übersicht der Angebote ist auf der Webseite www.meinekinderbetreuung.be zu finden, über die teilweise auch die Antragsstellung für einen Betreuungsplatz erfolgt.
 
Ergänzend hierzu besteht ein breites Angebot durch private und öffentliche Träger, insbesondere während der Ferienzeiten. Hierzu gehören insbesondere die Sport-, Kultur- und Jugendvereinigungen. Diese vielfältigen Angebote tragen dazu bei, Eltern konkret zu entlasten und ihnen verlässliche Betreuungsstrukturen zur Verfügung zu stellen.
 
Die Deutschsprachige Gemeinschaft bietet (berufstätigen) Eltern im Bereich Sport verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten, die vor allem durch Ferienbetreuung, regelmäßige Vereinsangebote und finanzielle Entlastungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitragen.
Die wesentlichsten Angebote sind:
 
1. Sport- und Ferienlager zur Überbrückung schulfreier Zeiten
 
Diese Angebote sind besonders wichtig für berufstätige Eltern, um die Betreuung während der Schulferien sicherzustellen. Beispielsweise organisieren die Sportbünde, Sportgemeinschaften und Sporträte der Gemeinden jährlich in den Oster-, Sommer- und Herbstferien Sport- und Ferienlager für Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 15 Jahren, die durch die Deutschsprachige Gemeinschaft finanziell unterstützt werden.
 
Das Sport- und Freizeitzentrum Worriken in Bütgenbach bietet in den Osterferien Sportlager für Kinder von 5 bis 12 Jahren an.
 
Auf der Webseite von Jugendinfo und des Leitverbandes des ostbelgischen Sports (LOS) werden zahlreiche Sportlager und Freizeitaktivitäten aufgelistet.
 
2. Regelmäßige Sportangebote und Vereine
 
Vereinsdatenbank des LOS: Der Leitverband des Ostbelgischen Sports (LOS) führt eine Datenbank mit über 150 Sportvereinen, die ein breites Spektrum an Aktivitäten für alle Altersklassen abdecken.
Inklusive Sportateliers: VIVA Ostbelgien bietet jeden Mittwochnachmittag (außer in den Ferien) von 16:00 bis 17:00 Uhr inklusive Sportgruppen für Kinder von 6 bis 14 Jahren an, was eine regelmäßige Entlastung unter der Woche darstellt.
Bewegungsschulen: In Eupen gibt es spezielle Angebote für Kinder (3–6 Jahre), die von verschiedenen Vereinen organisiert werden (z. B. Turnzwerge oder Ballsportschulen).
 
3. Finanzielle und administrative Erleichterungen
 
Steuerliche Absetzbarkeit: Einrichtungen wie Worriken hinterlegen seit 2024 die Teilnahmebescheinigungen für Lager automatisch für die Steuererklärung, was den administrativen Aufwand für Eltern verringert.
Sportförderung: Der LOS berät Vereine und Organisationen zu Fördermitteln über das Sportdekret, was indirekt dazu beiträgt, dass vielfältige und bezahlbare Sportangebote für Familien aufrechterhalten werden können.
 
Zudem bieten die geförderten Jugendeinrichtungen für Kinder und Jugendliche zahlreiche Angebote an, die Eltern entlasten:
Die Ferienlager und Ferienanimationen der Jugendorganisationen (zum Beispiel Ocarina und die zahlreichen Pfadfindereinheiten) bieten mehrtägige Beschäftigung und Betreuung an, oft auch mit Übernachtung. Die Zielgruppe sind Kinder ab dem 5. Lebensjahr bis zum Eintritt in das Erwachsenenalter.
 
Darüber hinaus bietet die Offene Jugendarbeit ebenfalls Angebote für Kinder ab dem 10. Lebensjahr an, sodass auch junge Menschen, die kein Mitglied in einer Jugendorganisation sind, profitieren können. Dabei kann es sich um eintägige Ausflüge, die (täglichen) Trefföffnungszeiten oder kurze Sommerlager handeln. 
 
Die acht anerkannten Kreativen Ateliers und Fachateliers der Deutschsprachigen Gemeinschaft sowie in etwas geringerem Maße einige Museen und professionellen Kulturträger stellen zudem Jahr für Jahr in ganz Ostbelgien kreative Ferienangebote bereit.
 
Sie gewährleisten jährlich rund 50 bis 60 Ferienwochen mit etwa 1.000 Teilnehmern. Somit ermöglichen die kreativen Ferienangebote in Ostbelgien in etwa 5.000 Betreuungstage für Kinder.
 
Um sicherzustellen, dass Eltern frühzeitig und möglichst niederschwellig Zugang zu diesen Informationen erhalten, wird das bestehende Angebot durch verschiedene Informationsstellen umfassend kommuniziert. Dazu zählen insbesondere:
 
Die Webseite www.meinekinderbetreuung.be
Jugendinfo (Jugendinformation Ostbelgien)
LOS Ostbelgien
OstbelgienSport
 
Diese Einrichtungen leisten einen wichtigen Beitrag dazu, Transparenz über vorhandene Unterstützungsangebote zu schaffen und Eltern in ihrer Alltagsorganisation zu entlasten.
 
Die Regierung hat in den letzten Jahren signifikant mehr finanzielle Mittel bereitgestellt, um die verschiedenen Angebote in der Kinderbetreuung abzusichern, weiterzuentwickeln und auszubauen und so dem übergeordneten Ziel der hundertprozentigen Bedarfsdeckung kontinuierlich näherzukommen. 
 
Die wichtigsten Änderungen der vergangenen Jahre sind: 
Die Umwandlung der VoG RZKB in die Einrichtung öffentlichen Interesses ZKB; 
Die Einführung des „Vollstatuts“, d.h. eines Angestelltenstatuts für Tagesmütter, und damit einhergehend der umfassenden sozialen und finanziellen Absicherung dieser Berufsgruppe, die zuvor in einem Sozialstatut tätig war; 
Die Anwendung des Personalstatuts des öffentlichen Dienstes auf alle Arbeitnehmer, die einen Arbeitsvertrag bei dem ZKB erhalten haben; 
Die Reform der Kostenbeteiligung der Erziehungsberechtigten mit dem Ziel eine sozialverträgliche Kostenbeteiligung beizubehalten; 
Die Einführung von Priorisierungsregeln in der Platzvergabe für die bezuschussten Dienstleister;
Die Einführung und anschließende Erhöhung von Funktionszuschüssen für selbstständige Tagesmütter, was eine massive Aufwertung der Tätigkeit als selbstständige/r Tagesmutter/-vater darstellt; 
Die Schaffung neuer bzw. die Erweiterung bestehender Standorte der Kleinkindbetreuung und der Außerschulischen Betreuung (mit Fokus auf die Schaffung zusätzlicher Betreuungsplätze in der Ferienbetreuung) mit dem Ziel, zusätzliche Angebote zu schaffen oder Alternativen für wegfallende Betreuungsangebote z.B. aufgrund von Krankheit, Pensionierung oder beruflicher Umorientierung bereitzustellen; 
Die Erarbeitung eines Konzepts für die finanzielle Beteiligung an den Kinderbetreuungskosten durch Arbeitgeber für ihre Mitarbeiter.
 
So konnte in den letzten Jahren kontinuierlich der Deckungsgrad erhöht, der Betreuungsbedarf besser beantwortet/gedeckt und das Dienstleistungsangebot der Kinderbetreuung durch eine Steigerung der Attraktivität der Arbeitsbedingungen stabilisiert und durch zusätzliche Angebote erweitert werden. 
 
Die unterschiedlichen Formen der Kinderbetreuung bieten unterschiedliche Schwerpunkte in punkto Verlässlichkeit, Flexibilität und Kontinuität einerseits und Bindungsfragen andererseits. In diesem Kontext verweise ich auf meine Antwort vom 27. März 2026 auf die schriftliche Frage 134 von Frau Stiel: „In individuellen Betreuungsformen, d. h. bei den selbstständigen Tagesmüttern/-vätern, den Kinderbetreuern in Heimarbeit und den konventionierten Tagesmüttern, steht per Definition nur eine Betreuerin mit den Eltern und den Kindern in Kontakt. Hierdurch entsteht eine mitunter sehr enge persönliche Bindung. Fällt hingegen diese Betreuerin, z. B. krankheits- oder urlaubsbedingt aus, dann findet keine Betreuung statt. Das führt unweigerlich zu Ausfällen in der Betreuung und kann zu organisatorischen Problemen für die Eltern führen. In den kollektiven Betreuungsformen (Kinderkrippen und Co-Initiativen) hingegen sind mehrere Betreuer vor Ort. Durch die längeren Öffnungszeiten und den damit einhergehenden Schichtdiensten gibt es in diesen Strukturen verlässliche und vorhersehbarere Abläufe. Der Dienstleister gewährleistet beim Ausfall einer Betreuerin weiterhin die Betreuung, indem eine andere den Kindern bekannte Person die Betreuung übernimmt. Die Betreuungskontinuität ist somit gewährleistet. Die Eltern haben die Möglichkeit, zwischen beiden Formen zu wählen und zwischen den Vor- und Nachteilen der jeweiligen Betreuungsform abzuwägen – ganz nach ihren Wünschen und Bedürfnissen.“
 
Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Wahl der Betreuungsform sich bis zu einem gewissen Grad auch auf die Verlässlichkeit und Kontinuität des Betreuungsangebots für die Eltern auswirkt. Eben dies ist der Grund, warum kollektive Kinderbetreuungsangebote in der Deutschsprachigen Gemeinschaft großen Zuspruch erfahren. Sie werden aufgrund der gebotenen Stabilität und Kontinuität jedoch auch der höheren Flexibilität, die durch den Einsatz von mehreren Betreuern im Schichtsystem entsteht, zunehmend stärker nachgefragt als individuelle Betreuungsformen.
 
Die Anzahl, der allein in den eigenen Räumlichkeiten betreuenden Tagesmütter ist in den letzten Jahren in Folge von langfristiger Krankheit, Pensionierung oder beruflicher Umorientierung (zum Teil auch in kollektive Betreuungsstrukturen) stark rückläufig gewesen. Dennoch stellen Tagesmütter einen - im internationalen Vergleich sogar sehr großen - unerlässlichen Anteil des Angebots dar. Denn sie bieten auch einige Vorteile, wie bspw. die kleinere Gruppengröße und familiäre Atmosphäre, den direkteren Bezug zur Betreuungsperson sowie, bei selbstständigen und konventionierten Tagesmüttern, die größere Flexibilität in den Betreuungszeiten (im Gegensatz zur 38-Stunden-Woche bei den Kinderbetreuern in Heimarbeit des ZKB).
 
Kollektive Betreuungsstrukturen wie Co-Strukturen und Kinderkrippen werden auf Dienstleisterseite und Nutzerseite stets beliebter, da sie zahlreiche Vorteile mitbringen: die Arbeit im Team, die bessere Trennung von privaten und beruflichen Räumlichkeiten, der mögliche Ersatz bei Krankheit oder Urlaub, ohne dass dies zu Lasten der Eltern und betreuten Kinder geht, längere Öffnungszeiten und dies an fünf Wochentagen. Auch sind als solche bezuschusste kollektive Betreuungsstrukturen dauerhaftere Standorte der Kinderbetreuung, da diese nicht vom Mitarbeiter, sondern vom Dienstleister bereitgestellt werden und somit unabhängig von der Einstellung der Tätigkeit eines einzelnen Betreuers zur Verfügung stehen.
 
In Konsequenz ist der Ausbau von zentral gelegenen (d.h. in der Nähe der Hauptverkehrsachsen bzw. größeren Ballungszentren) kollektiven Betreuungsformen die naheliegende und oftmals einzige Antwort auf die Schließung von individuellen Standorten aufgrund von Krankheit, Pensionierung oder beruflicher Umorientierung. 
 
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die wirksame Prävention psychischer Belastungen von Eltern ein koordiniertes Zusammenspiel aller politischen Ebenen erfordert. Die Handlungsmöglichkeiten der Deutschsprachigen Gemeinschaft werden dabei bestmöglich genutzt, sind jedoch strukturell begrenzt und insbesondere im Bereich arbeits- und sozialrechtlicher Rahmenbedingungen von Entscheidungen auf föderaler Ebene abhängig.
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Blick auf das Parlament der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien

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