Schriftliche Frage Nr. 159 10. Juli 2026 – Frage von Herr F. WERTZ an Herrn Minister FRANSSEN zur Wirkung der beruflichen Orientierung auf eine talent- und interessenorientierte Berufswahl Welche Erkenntnisse liegen der Regierung heute darüber vor, dass die im Rahmenplan „Berufliche Orientierung“ vorgesehenen Maßnahmen dazu beitragen, dass Jugendliche Ausbildungs- und Berufswege wählen, die ihren Interessen, Stärken und Fähigkeiten entsprechen? Die nachfolgend veröffentlichte Frage und die Antwort entsprechen den hinterlegten Originalfassungen. Die endgültige Version ist im Bulletin für Interpellationen und Fragen (BIF) veröffentlicht. Frage von Frederik WERTZ (PFF), vom 09. Juni 2026: Jeder junge Mensch sollte die Möglichkeit erhalten, seine Talente und Potenziale zu entdecken und auf dieser Grundlage eine selbstbestimmte Ausbildungs- und Berufswahl zu treffen. Gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels ist es von großer Bedeutung, dass junge Menschen ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechend gefördert werden und ihre Berufswahl nicht durch gesellschaftliche Erwartungen oder stereotype Rollenbilder eingeschränkt wird. Im Zusammenhang mit der Diskussion um das sogenannte „Dream Gap“ wurde bereits darauf hingewiesen, dass gesellschaftliche Zuschreibungen und Rollenbilder Bildungs- und Berufsentscheidungen von Mädchen und Jungen beeinflussen können. Berufliche Orientierung soll deshalb dazu beitragen, dass junge Menschen ihre individuellen Stärken, Interessen und Potenziale erkennen und ihre Laufbahn unabhängig von Geschlechterklischees gestalten können. Im Zusammenhang mit der Kampagne „Built to Build“ wurde jüngst auf den gestiegenen Frauenanteil in der Holzabteilung des Robert-Schuman-Instituts verwiesen. Gleichzeitig verfolgt die Deutschsprachige Gemeinschaft mit dem Rahmenplan „Berufliche Orientierung“ das Ziel, Schülerinnen und Schüler bei einer talent- und interessenorientierten Berufswahl zu unterstützen und geschlechtsstereotype Berufsvorstellungen aufzubrechen. In der Antwort auf die schriftliche Frage Nr. 67 von Frau Jadin zum Thema „Dream Gap“ hat die Regierung zudem verschiedene Maßnahmen der beruflichen Orientierung vorgestellt, darunter Berufserkundungen, Hospitationen, Praktika, Schülerportfolios und begleitete Selbstreflexion. Diese Instrumente sollen Jugendlichen helfen, ihre Stärken zu erkennen und fundierte Bildungs- und Berufsentscheidungen zu treffen. Vor diesem Hintergrund möchte ich, werte Frau Parlamentspräsidentin, Herrn Minister Franssen folgende Fragen stellen: 1. Welche Erkenntnisse liegen der Regierung heute darüber vor, dass die im Rahmenplan „Berufliche Orientierung“ vorgesehenen Maßnahmen dazu beitragen, dass Jugendliche Ausbildungs- und Berufswege wählen, die ihren Interessen, Stärken und Fähigkeiten entsprechen? 2. Werden die verschiedenen Instrumente der beruflichen Orientierung, insbesondere Berufserkundungen, Hospitationen, Praktika, Schülerportfolio und begleitete Selbstreflexion, systematisch evaluiert? Falls ja, mit welchen Ergebnissen? 3. Gibt es Daten oder Auswertungen darüber, ob sich seit Einführung des Rahmenplans Veränderungen bei der Wahl von Studienrichtungen, Ausbildungswegen oder Berufsfeldern erkennen lassen? 4. Im Zusammenhang mit der Kampagne „Built to Build“ wurde auf den gestiegenen Frauenanteil in der Holzabteilung des Robert-Schuman-Instituts verwiesen. Liegen der Regierung Erkenntnisse darüber vor, welche Faktoren zu dieser Entwicklung beigetragen haben und welche Rolle dabei die Maßnahmen der beruflichen Orientierung spielen? Antwort von Jérôme FRANSSEN (CSP), Minister für Unterricht, Ausbildung und Beschäftigung: 1. Welche Erkenntnisse liegen der Regierung heute darüber vor, dass die im Rahmenplan „Berufliche Orientierung“ vorgesehenen Maßnahmen dazu beitragen, dass Jugendliche Ausbildungs- und Berufswege wählen, die ihren Interessen, Stärken und Fähigkeiten entsprechen? Ob Maßnahmen der beruflichen Orientierung tatsächlich die Entscheidungen Jugendlicher beeinflussen, lässt sich nur durch Wirkungsanalysen feststellen. Dabei wird untersucht, ob Veränderungen bei Berufswahlkompetenz, Entscheidungssicherheit oder konkreten Bildungs- und Berufsentscheidungen auf die jeweilige Maßnahme zurückzuführen sind und welche langfristigen Folgen daraus entstehen. Für die Deutschsprachige Gemeinschaft liegen zwar zahlreiche Evaluationen der bestehenden Angebote vor, jedoch nur wenige Studien, die einen kausalen Einfluss von Berufsorientierungsmaßnahmen auf Berufswahlentscheidungen nachweisen. Daher ist zwischen der Evaluation von Maßnahmen und ihrer tatsächlichen Wirkung zu unterscheiden. Der 2. Jugendbericht der DG (2021–2023) zeigt, dass Berufsentscheidungen durch ein Zusammenspiel persönlicher, sozialer und struktureller Faktoren entstehen. Berufsorientierungsmaßnahmen wirken daher nicht isoliert, sondern als Teil eines komplexen Systems. Gleichzeitig machte der Bericht Defizite in der Berufswahlorientierung sichtbar, die in die anschließende Reform eingeflossen sind. Studien aus Deutschland und der Schweiz belegen, dass Berufsorientierungsmaßnahmen Wissen, Kompetenzen und Entscheidungssicherheit von Jugendlichen stärken können. Ein direkter Einfluss auf konkrete Berufswahlentscheidungen ist hingegen nur schwer nachweisbar, da die Effekte häufig indirekt und langfristig wirken. 2. Werden die verschiedenen Instrumente der beruflichen Orientierung, insbesondere Berufserkundungen, Hospitationen, Praktika, Schülerportfolio und begleitete Selbstreflexion, systematisch evaluiert? Falls ja, mit welchen Ergebnissen? In der vergangenen Legislaturperiode wurde eine umfassende Reform der Berufsorientierung eingeleitet. Zu ihren zentralen Elementen zählen der seit dem 1. September 2023 geltende Rahmenplan für die Primar- und Sekundarschulen sowie die Einrichtung des Arbeitsamtes der Deutschsprachigen Gemeinschaft (ADG) als Referenzzentrum für die berufliche Orientierung. Der Rahmenplan unterstreicht den gesetzlichen Auftrag von Schulen und ADG, junge Menschen bei ihrer beruflichen Orientierung zu begleiten. Zu den vorgesehenen Maßnahmen gehören unter anderem das Schülerportfolio, die begleitete Selbstreflexion, Betriebs- und Berufserkundungen sowie Praktika und Hospitationen. Die Umsetzung dieser Maßnahmen wird systematisch evaluiert. Ein zentrales Instrument hierfür ist die externe IQES-Evaluation, die sowohl quantitative als auch qualitative Aspekte erfasst. Die bisherigen Zwischenberichte (Stand: Juli 2025) untersuchen insbesondere die Umsetzung der Berufserkundungen, deren Einbettung in den Unterricht sowie Herausforderungen und Erfolgsfaktoren. Die Befragung der Schulen stellt jedoch nur einen Teil der Evaluation dar. Derzeit wird gemeinsam mit dem Wirtschafts- und Sozialrat eine Befragung der ostbelgischen Unternehmen vorbereitet, um auch deren Erfahrungen, Erwartungen und Empfehlungen in die Weiterentwicklung der Berufsorientierung einzubeziehen. Als Referenzzentrum koordiniert das ADG die Angebote der verschiedenen Träger, unterstützt die Schulen und stellt Informationen über die Plattform „Berufsroute“ für Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte und Unternehmen bereit. Darüber hinaus bietet das ADG zahlreiche Schulanimationen und Workshops an. Die regelmäßig durchgeführten Zufriedenheitsbefragungen zeigen eine sehr hohe Akzeptanz: Im Schuljahr 2024–2025 lag die Zufriedenheit je nach Angebot zwischen 92 und 98 Prozent. Besonders positiv bewertet wurden der Informationsgehalt, die Praxisnähe und die Möglichkeit zur aktiven Auseinandersetzung mit Berufsbildern. Aufgrund der Arbeitsmarktreform und der damit verbundenen Umstrukturierungen im ADG wurden die Aktivitäten in den Schulen vorübergehend reduziert. Ab dem Schuljahr 2026–2027 sollen jedoch die individuellen Sprechstunden in den Sekundarschulen wieder wöchentlich angeboten und die Berufsmesse „Meet your Job – Berufe hautnah“ neu aufgelegt werden. Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Instrumente und Maßnahmen der Berufsorientierung einer kontinuierlichen und systematischen Evaluation unterliegen. 3. Gibt es Auswertungen darüber, ob sich seit Einführung des Rahmenplans Veränderungen bei der Wahl von Studieneinrichtungen, Ausbildungswegen oder Berufsfeldern erkennen lassen Die wichtigste kontinuierliche Datenquelle zur Messung des Übergangs von Schule und Ausbildung in den Beruf ist die seit 1995 laufende Verlaufsstudie zu den Schul- und Studienabgängern (SAVE) des Arbeitsamtes. Sie misst Ergebnisse hinsichtlich der Integration in Beschäftigung, erlaubt aber keine Rückschlüsse auf den Einfluss konkreter Orientierungsmaßnahmen. Bereits seit 20 Jahren führt das ADG ebenfalls in Zusammenarbeit mit den Schulen Umfragen in den Abschlussklassen der Schulen durch, um die Absichten der Schüler hinsichtlich ihrer weiteren Berufs- oder Ausbildungslaufbahn zu hinterfragen. Diese Umfragen erlauben einige Rückschlüsse auf den Einfluss von Berufs- oder Ausbildungsentscheidungen. So wird u.a. hinterfragt, wo die AbiturientInnen Hilfe bei ihrer Entscheidungshilfe erhalten haben. Daraus wird über die Jahre hinweg deutlich, dass bei der Entscheidungsfindung für die Zeit nach dem Schulabschluss vor allem Familie und Bekannte die wichtigste Rolle einnehmen (2025: 59 %). Mit deutlichem Abstand folgen Praktika (20 %), Social Media (17 %), Infoveranstaltungen (16 %). Die Prozentzahlen variieren zwar von Jahr zu Jahr. Der Einfluss von Familie und Bekannten bleibt aber stetig mit deutlichem Abstand als größter Einflussfaktor. Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass die Kontextfaktoren (Eltern, sozioökonomischer Hintergrund, usw.) einen deutlichen höheren Einflussfaktor darstellen als die alleinige, einseitige Fokussierung auf die Hilfsmaßnahmen. Dies wird beispielsweise an der Frage deutlich, wieso die Abiturienten sich für einen bestimmten Studienort entschieden haben. Hier stehen beispielsweise harte Faktoren wie die Sprache, die geographische Nähe oder finanzielle Gründe eine wichtige Rolle. Allerdings sind sämtliche Angebote der Berufsorientierung eine wichtige Hilfe bei der Entscheidungsfindung, auch wenn sie nicht der ausschlaggebende Faktor sind (sein müssen). 4. Welche Faktoren tragen dazu bei, dass ein höherer Frauenanteil in der Holzabteilung des RSI festzustellen ist und welche Rolle spielen dabei die Maßnahmen der beruflichen Bildung? Dem Robert-Schuman-Institut (RSI) in Eupen liegen Hinweise vor, dass mehrere Faktoren zum gestiegenen Anteil von Mädchen in den technischen Abteilungen des Robert Schuman Instituts beigetragen haben. Besonders hervorzuheben sind dabei die gezielten Sensibilisierungs- und Orientierungsmaßnahmen, die das RSI seit mehreren Jahren anbietet und an denen teilweise auch das ZAWM (Erlebniswerkstatt und Technikferien) beteiligt ist. Zu nennen sind insbesondere • Die Lichternacht der Technik des RSI, die jedes Jahr sehr viele Besucher anzieht und das Interesse an technischen Berufen weckt. • Erlebniswerkstatt: Ein praxisorientiertes Angebot, das Schülerinnen und Schüler der 6. Primarschulklassen frühzeitig mit handwerklich technischen Tätigkeiten in Kontakt bringt und Hemmschwellen abbaut. Die Schüler dürfen an einem Tag selbst experimentieren und kleine Stücke fertigen. • Knickknack Technikferien: ein Ferienprojekt, das spielerisch technische Interesse weckt (ebenfalls selbst kleine Werkstücke fertigen) und Mädchen ausdrücklich ermutigt, technische Arbeitsfelder auszuprobieren. Nach Einschätzung des RSI tragen diese Maßnahmen dazu bei, traditionelle Rollenbilder aufzubrechen und Mädchen den Zugang zu technischen Berufen zu erleichtern. Die positiven Entwicklungen im RSI stützen diese Annahme: Neben dem gestiegenen Mädchenanteil in der Holzabteilung verzeichnet das Institut ebenfalls erstmals einen Anteil von 30 % Mädchen im 5. Jahr der Abteilung Maschinenbautechnik des technischen Befähigungsunterrichts. Ob es sich dabei bereits um einen nachhaltigen Trend handelt, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht abschließend beurteilen.
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